Wucan

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Moderator: King Heath

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Marengo
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Wucan

Beitrag von Marengo » So Feb 25, 2018 4:07 pm

Vorbemerkung:

Lieber Admin, bitte nicht hierher verschieben:

http://www.laufi.de/board/viewtopic.php?f=23&t=7544

Ich finde nämlich mittlerweile, dass "Tull related" nicht recht passt. Off topic gefällt mir wesentlich besser. Wenn unbedingt verschoben werden muss, dann den alten Thread bitte hierher.

Vorbemerkung Ende.


Hauptteil:

Nachdem ich Wucan im letzten Jahr auf der Summer-Tour zweimal gesehen hatte, konnte ich es leider nicht zu den Reap the Storm Konzerten im Oktober bei mir in der Nähe (Münster/Osnabrück) schaffen, da ich in Paris war. Das neue Album hatte ich mir gekauft, gehört, im doppelten Sinne (musikalisch und nicht totgemastert) für hörenswert erachtet und war natürlich neugierig, wie das auf der Bühne funktionieren würde. Auf den Sommerkonzerten wurde das eine oder andere Stück bereits live vorgestellt, was Appetit auf mehr machte. Ich möchte jetzt nicht allzu viel über Reap the Storm schreiben. Es ist ein in Teilen eingängiges, in Teilen aber auch hochgradig sperriges Album, das man entweder liebt oder hasst. Nothing in between. Dementsprechend fielen auch die Medienreaktionen aus. Viel war positiv bis sehr positiv, aber es gab auch Totalverrisse. Wucan polarisiert. Die Flöte als Leadinstrument polarisiert, was jeder hier im Forum nachvollziehen kann. Und Francis Tobolskys Stimme, mit der ich meinen Frieden geschlossen habe, polarisiert so richtig.

Ich habe mir dann, quasi vor meiner Haustür, die Show am 22.02. im Forum in Bielefeld ausgesucht, wohl wissend, dass es sicher nicht die volle Dröhnung geben würde, da insgesamt 3 Bands auftreten sollten. Das Forum ist eine alte Industriehalle im Herzen Bielefelds, wo ich Anfang des Jahrtausends einige Male die spanische Punk-Legende Dover und später auch die großartigen Walkabouts gesehen hatte. Die Location hatte ich in guter Erinnerung. Wucan waren als zweite Band dran und würden nur eine Stunde spielen. What the fuck, aber mehr hatte ich eigentlich auch nicht erwartet. Kurz vor Beginn waren gut 100 Leute da, viel zu wenig für das, was jetzt für € 14,00 geboten wurde.

Das Licht ging aus, und zwar komplett. Aha, sollte es etwa ein Intro geben? Eigentlich nicht überraschend für eine Band, die durch die Seventies beeinflusst und inspiriert ist. Jeder Act, der damals mehr als Kneipenmusik machte, kam natürlich nicht einfach so auf die Bühne. Ein Intro erhöht den Spannungsbogen, das ist wie die Verpackung eines Geburtstagsgeschenks. Ich stand ganz rechts am Bühnenrand und konnte daher nach links hinter den Vorhang schauen, wo Francis auftauchte und das Intro von Cosmic Guilt sprach. Das hatte Stil. Nach dem Ende des Textes setzten dieser hypnotische Beat und das sich immer wiederholende spacige Gitarrenriff ein. Pink Floyd pur. Vor meinem geistigen Auge saß ich circa 1977 in der Westfalenhalle, wo die Dopeschwaden durch die Arena zogen. Damit ist es Anno 2018 natürlich vorbei. In NRW darf man schon lange nicht mehr auf Konzerten rauchen, und Kiffen ist ohnehin illegal. Braucht auch keine Sau bei dieser Musik. Francis war inzwischen auf der Bühne am Theremin, das sporadisch sirenenartig mit einer Affenlautstärke dazwischen heulte. Das Licht war immer noch praktisch bis auf ein paar extrem gedimmte Spots aus. Alles sah man nur schemenhaft, die Lämpchen der Amps, die Silhouetten der Musiker. Chapeau. Die Jungs und das Mädel haben natürlich altersbedingt nie eine Seventies-Show gesehen, aber so war das damals in der Tat bei den großen Bands. Drums und Gitarre verstummten, minimale Pause und plötzlich mit einer Urgewalt der eigentliche Gitarrenanfang von Cosmic Guilt. Alle Spots an, gleißendes Scheinwerferlicht und Wucan in full flight. Mit dieser Dramaturgie hatte die Band bei mir schon gewonnen. Sehr schön, heuer so etwas geboten zu bekommen. Das hat wirklich Assoziationen geweckt.

Der Opener kam laut, aber erstaunlich klar daher mit einem Druck, von dem sich viele andere Bands ein Scheibchen abschneiden können. Wuchtige Rhythmusgruppe gepaart mit bretthartem Gitarrenspiel und aggressivem Gesang. Hier im Forum ist ja an anderer Stelle viel über den Live-Sound von Ghost geschrieben worden. Stichwort: Loch in den Mitten. Völlig anders bei Wucan. Die Gitarren von Tim und Francis sind im Frequenzspektrum der unteren und mittleren Mitten (blödes Wort, aber ihr wisst, was ich meine) total präsent, das Top End ist zurückgedrängt. Francis braucht ja auch noch Platz im Frequenzspektrum, und zwar reichlich. Die Gitarren klingen sehr erdig und werden von guten Effekten unterstützt. Die Töne und Akkorde stehen lange im Raum. Das macht den Sound groß. Leider gilt das nicht für die Flöte. Francis hat außer ein bisschen Delay keine besonderen Effekte an ihrer Stimme und spielt die Flöte durch ihr Gesangs-Mikro. D.h. die Flötentöne sind schnell weg und "überlagern" sich nicht (zu wenig Delay und Chorus). Ich habe irgendwo auf Youtube ein altes Video von Wucan gesehen, wo die Flöte ein eigenes Drahtlos-Mic hatte. Ich würde dazu raten, dann können unproblematisch maßgeschneiderte Effekte auf die Flöte gepackt werden, die die Stimme nicht weichzeichnen. Getrennte Effekt-Wege haben ihre Vorteile. Und an die Stimme gehört ein Limiter! Als ich das Wave vom Mischpult zuhause auf den Rechner kopiert habe, habe ich diese krassen Dynamikspitzen gesehen. Ich stelle es mir sehr schwer vor, Francis' ultradynamische Stimme zu zähmen. Der sehr gute Live-Sound würde in meinen Ohren noch besser ohne diese Peaks. Im Studio klappt es doch auch. Das war jetzt allerdings Jammern auf hohem Niveau:-)

Zurück zur Show. Nach dem äußerst gelungenen Opener ging es nahtlos mit "Father Storm" weiter. Francis tauschte die Gitarre gegen die Flöte für diesen Parforce-Ritt, der in seiner Aggressivität und Einfachheit so typisch für die Zeit vor dem zweiten Album ist. Durchaus flötentechnisch tullesque und unabhängig davon einfach nur gut. Tim und Francis sind Wirbelwinde, Phil, der Drummer, hat sichtlich Spaß und der neue Bassist Alexander ist in seiner Optik und seinen Bewegungsabläufen ein klassischer Bassist, der auch mal gerne mit dem Rücken zum Publikum spielt. Nach einer kurzen Begrüßung folgte ein kurzes Exzerpt vom Opus Magnum des neuen Albums, Aging ten Years in two Seconds. Wer die Studiofassung kennt, weiß, dass sich das suitenartig aufgebaute Stück nicht auf der Bühne reproduzieren lässt. Flöte und Gesang überschneiden sich häufig und unlösbar, also bleibt nur zerstückeln oder weglassen, wenn Samples keine Option sind. Schade insbesondere um den "Melinda-Part". Mit dieser Art der Präsentation muss ich erst noch versuchen, warm zu werden. Aging... wirkt komplett und im Kontext, und zwar durch die nicht unerheblichen akustischen Parts, ganz anders, als wenn live "nur" der Schwermetall-Kern präsentiert wird. Die Vielschichtigkeit der Komposition lässt sich nicht auf die Bühne bringen.

Nach "Looking in the Past", nicht gerade meinem Lieblingsstück, kam das wunderbare "Wie die Welt sich dreht". Mit dieser neuen Nummer hat die Band die Sommer-Shows eröffnet. Ein auch ziemlich sperriges Teil mit deutschem Text, exaltiertem an Nina Hagen erinnernden Gesang, das sehr viel Stile in sich vereint und dennoch groovt und rockt. Dann erschienen für knapp vier Minuten Black Sabbath mit Sängerin auf der Bühne, oder waren das Wucan? Out of Sight, Out of Mind, ein out-and-out Rocker, der mich stark an Sabbath erinnert. Krass, wie Tim seine Gitarre so richtig verzerrt. Ein klasse Riff. Warum unspielbare Stücke mit 20 Minuten aufwärts, liebe Wucans, wenn ihr das auch in gut drei Minuten auf den Punkt und auf die Zwölf bringen könnt? Noch einmal, bitte... Nach rund 40 Minuten war leider nur noch Zeit für den epischen Wandersmann, mit dem dieses grandiose Konzert seinen Abschluss fand. Wegen meiner hätte es noch einmal eine Stunde geben können, aber Wedge wollten ja auch noch spielen.

Auf dem Heimweg habe ich das Konzert noch einmal auf mich wirken lassen. Das neue Album ist in Teilen sehr eingängig (Rat Catcher, Ebb and Flute, Out of Sight..., in anderen sehr sperrig. Der richtige Weg? Was ist der richtige Weg? Die Band wollte sich offenbar nicht auf die eigene Vergangenheit beschränken lassen und zeigen, welche musikalisch-kompositorische Entwicklung sie genommen hat. Das ist grundsätzlich gut, führt aber nahezu unausweichlich zu in Teilen schwer verdaulichem Material. Viele Bands haben eine ähnliche Entwicklung durchgemacht. Mich persönlich spricht das an. Wer sich mit 15 durch die alten Genesis, Yes, Tull etc. "gekämpft" hat, für den ist Wucan eine machbare Herausforderung. Aber das Musikhören wird nach meinem Dafürhalten leider zunehmend verlernt. Ich wage zu bezweifeln, ob in der heutigen Zeit allzu viele Leute bereit und in der Lage sind, sich auf eine gewisse Komplexität einzulassen. In Zeiten, wo Bildzeitungsartikel mit tl;dr zusammengefasst werden, wo nur noch schwarz/weiß gemalt wird und Musik zum Konsumgut in den sozialen Medien verkommen ist, dürfte der Markt für Wucan nicht groß im Sinne von Massenkompatibilität sein. Aber das ist auch gar nicht nötig. Mir ist aufgefallen, dass das Publikum durch die Bank eher älter ist. Funny, isn't it? Die Kids spielen vor Leuten, von denen ein Großteil doppelt so alt sind wie sie selber. Das ist Chance und Risiko zugleich, zeigt aber in jedem Fall, dass diese Band mit Recht ernst genommen wird. Auch Nischen bieten, wenn sie groß genug sind, Musikern ihr kommerzielles Auskommen. Ich sehe Wucan auf Sicht von 5 Jahren nicht in den Arenen dieser Republik, aber sie haben sicher das Potenzial, ihre Brötchen mit Musik zu verdienen. Am nächsten Abend in der Bluesgarage in Isernhagen waren mehr Leute als in Bielefeld und auch (schöne Grüße nach Magdeburg) zwei alt gediente Tull-Fans. Brav gemacht! Und ey, Wacken müsste doch gehen...? Let's keep our fingers crossed!

Hauptteil Ende.

HansJuergen
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Re: Wucan

Beitrag von HansJuergen » Do Mai 19, 2022 6:58 am

Ich will diesen älteren Thread nochmal aufmachen, weil ich erst jetzt auf die Band aus Dresden gestoßen bin. Anlass: Ein Beitrag über die Band im Deutschlandradio letzten Sonntag: https://www.deutschlandfunk.de/haare-qu ... 7-100.html
Ich bin von der Band sehr begeistert - eine gelungene Mischung aus Tull, Black Sabbath, Led Zeppelin und Ougenweide :)
Näheres zu der Band in dem umfangreichen Beitrag von Marengo - den habe ich damals glatt übersehen.
Anspieltipp: Father Storm https://www.youtube.com/watch?v=3G34e2GOSRM
Live auf you tube:
https://www.youtube.com/watch?v=Uxy_gVFqylY
https://www.youtube.com/watch?v=heNQyc_RbPU
Viel Vergnügen!

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