Carsten hat geschrieben: Mo Nov 05, 2007 7:56 pm
Da auch mich Birgit noch einmal höchstpersönlich gefragt und Ulla den Anfang gemacht hat, kann ich so viel weiblichem Charme nicht widerstehen und trage nun auch meinen Teil zur Jello-Tull-Press bei.
Obwohl ich bereits im zarten Alter von zehn Jahren durch ein TV-Special über Tull (Swing In im Nov. 69 in der guten alten Tante ARD in s/w) mit einem Schlag zum Super-Tull-Fanadigger wurde, fand mein erstes persönliches Treffen mit meinen Idolen erst 3 ½ Jahre später, am 10.3.1973 statt und war sehr unspektakulär, wie es sich eben für ein erstes Treffen zwischen Teeny und Star gehört.
Ich hatte mir bis dahin alle erhältlichen LPs und Singles gekauft, rannte jede Woche in ein großes internationales Zeitschriftengeschäft, um alle Musikblätter der Welt nach neuen Trüffeln zu durchstöbern, besorgte mir alle erhältlichen Poster und hatte auch das Bedürfnis diesen Menschen, die meinem kindlichen Hirn so viele, auch außermusikalische, Tore zu neuem und aufregendem Denken öffneten, auch außerhalb dieser käuflichen Medien zu begegnen. Stalker waren damals zum Glück noch nicht erfunden!
In jenem März 1973 stand am Sonntag dem 11. des Monats wieder ein Feiertag für mich an: Jethro Tull live in der Deutschlandhalle, mein zweites Mal, Tulls drittes Mal in Berlin. Das erste hatte mir meine Mutter unverschämterweise verboten, dabei war ich doch schon 11, pah!
Am Samstag davor kam mir nach der Schule die verrückte Idee, meinen Freund Christian (mehr Johnny Winter- und Blues-Fan, aber auch Tull zugetan) zu fragen, ob wir nicht einfach mal zum Flughafen Tempelhof fahren wollen, um zu sehen, ob nicht die Jessros zufällig ankommen würden.
Der einzige „offizielle“ Flughafen in West-Berlin („Westberlin“ für unsere Freunde von drüben) war damals dieser scheußlich-schöne Koloss mitten in der Stadt am Platz der Luftbrücke.
Da wir beiden langhaarigen dreizehnjährigen Jungs, die allerdings noch mehr Mädchen ähnelten, nichts besseres vorhatten, schlüpften wir in unsere Parkas, ich setzte mir meinen Sperrmüll-Hut auf (Scharf!, so hieß damals noch „Geil“) und los ging’s.
Da das Flugaufkommen anno dezimal noch nicht mit dem heutigen zu vergleichen war und im Flughafen Tempelhof sämtliche Passagiere, ob Abflug oder Ankunft, die Haupthalle passieren mussten, war es recht leicht, einen strategisch günstigen Wartepunkt auszumachen.
Wir hatten uns schon auf einige Stunden Wartezeit eingerichtet, vergnügten uns an den Dialogen der ankommenden und wartenden Erwachsenen, auch Spießer genannt („Hau do you do wiss your Gummishoe?“ – „Danke, werri well in my Bettgestell, ha, ha“; wo waren die wohl im Urlaub?).
Nach kaum fünf Minuten kam einer in die Halle, der nicht wie ein Spießer aussah, sondern eher wie „einer von uns“ , wenn auch schon erwachsen. Lange Haare, komische Klamotten und Hut. Ich wollte den Spießern im Scherzen nicht nachstehen und sagte zu Christian: „Kieka Chrille, Berri Baalo“, obwohl er gar nicht wie dieser aussah. Da dessen Physiognomie damals als „neuer“ Drummer noch nicht so ganz vertraut war, war doch ein leichter Zweifel und Hoffnungsschimmer in mir. Doch dieser hier trug wirklich zu komische Klamotten und außerdem gar keinen Vollbart wie Mr.Barlow. Nein, er sah wirklich anders aus. Oder doch nicht...?
Aber, hupps, sah der da links nicht wirklich aus wie John Evan? Und der da wie...und der wie...schnell durch die Absperrung gemogelt und fix zu den Gepäckbändern! Das ging damals noch ganz einfach, der 11. September war ja auch noch ein halbes Jahr und einen Tag hin.
Es ging alles ganz schnell und unerwartet, plötzlich standen wir mitten in Berlin den tollsten Musikern der Welt gegenüber. Mit uns eine Hand voll anderer Fans und Autogrammjäger, alle schon älter, also im damals „richtigen“ Jessro-Tall-Fan-Abiturienten-Studenten-Alter.
Die hatten alle Fotos und Schallplatten zum Signieren mit. Da ich gar nicht so richtig mit einem erfolgreichen Abschluss unseres Wartehobbys gerechnet hatte und mir so auch keine Gedanken über das übliche Prozedere eines Fan-Star-Treffens (Hello, Eijen, can you giff me a Autogramm, pließ?) gemacht hatte, stand ich mit leeren Händen da.
War ja auch egal, Hauptsache diesen tollen Menschen nah zu sein. Die sahen erst einmal, obwohl Christian und ich damals noch kleiner als sie waren, erstaunlich klein aus, diese Bühnenriesen. Sie trugen alle die selben Klamotten wie auf den beigefügten Fotos (Ian ohne Mütze), wobei mir Jeffreys Radieschenhose, Johns Tropenhelm und Ians schwarze Samt-Schlaghose, die unter dem Knie hellblau wurde (Schick!, s. Foto „Treppe“), besonders auffielen.
Heute wird ja viel über Ians Sparsamkeit gelästert, aber damals trugen die wirklich monatelang die selben Klamotten. Auf wirklich allen Fotos aus einer Periode, auch privat, immer das gleiche. Barrie trug privat sogar Martins Bühnenhosen vom letzten Jahr auf! Oder gab’s das alles in mehrfacher Ausfertigung? Eigenartig. Einen stechenden Geruch konnte ich am Flughafen allerdings nicht ausmachen.
Beeindruckend war auch Ians fast bis zum Bauchnabel aufgeknöpftes Hemd, damit man die Kette im Brusthaartoupet bewundern konnte. Heiß (so hieß damals noch „Cool“)! Er trug in der einen Hand seinen schwarzen Gitarrenkoffer und schwang in der anderen einen Opa-Gehstock, die normalen Holzstöcke mit geschwungenem Griff (wie beim Schirm) und unten mit Gummipfropf. So wie er ihn benutzte, sah es keineswegs nach einer Notwendigkeit, sondern eher wie ein „modisches“ Accessoire aus.
Alle fünf waren sehr nett und freundlich, sagten auch lieb „How do you do?“ (ohne Gummischuh) zu mir und lächelten mich nett an. So junge Fans waren damals noch nicht ganz üblich. Ich war ob der Überraschung und meiner damals noch recht geringen Englisch-Kenntnisse ziemlich schweigsam und genoss einfach die stillstehende Zeit für ein paar Minuten. Plötzlich fühlte ich in meiner Parkatasche einen Mini-Taschenkalender. Schnell raus damit und den eben beobachteten und schnell gelernten Fanriten frönen: „Mr. Evan, can you giff me a Autogramm, pließ?“ And Mr. Barre, and Mr. Anderson…So kam ich doch noch unerwartet zu meinen Autogrammen im Minikalender, der natürlich noch irgendwo in meinem Sammlungsgerümpel dümpelt.
Kurz darauf entschwand Ian, mit seinem Gitarrenkoffer, dem Stock und der ihn begleitenden Superblondine aus der Halle und in ein Taxi. Sollte diese spaßige kleine Endlosigkeit schon ein Ende haben? Nee, nee, schnell mit Christian ins nächste Taxi. „Na, Jentelmenn, wo woll’n wa denn hin?“ fragte der Fahrer und hörte vielleicht zum ersten Mal in seiner Berufslaufbahn von zwei kleinen Jungs: “Folgen Sie dem Taxi, da!“
Er lachte und folgte, bis wir vor dem besten Hotel der Stadt, dem Kempinski am Kudamm Ecke Fasanenstraße hielten, wo uns ungläubig blickend der livrierte Portier die Wagentür öffnete. Wir sahen gerade noch Ian und seine schöne Begleitung ins Hotel gehen und dann an der Rezeption stehen. Wir glaubten nicht, dass der Hotelportier auch uns für Rockschtars hielt und sahen von einer weiteren Verfolgung ab.
Später kam der gute John Evan aus dem Edel-Hotel, um an der Currywurstbude gegenüber eine Rostbratwurst einzuschieben. Diese geschichtsträchtige „John-Evan-Currywurstbude“ existiert heute nicht mehr, eine Schande für die Stadt Berlin. Nicht einmal ein Gedenk-Schild kündet von dieser Stätte.
Selig fuhren wir mit dem Bus nach Hause, wo ich mir erst einmal die „Life Is A Long Song“ EP auflegte und das erlebte noch mal Musical, bzw. Revue passieren lies.
Am nächsten Abend sollten Christian, einige andere überredete Freunde und ich in der Deutschlandhalle, erste Reihe Mitte, das wahrscheinlich beste Rockkonzert im Kühlregal erleben: Thick As A Brick komplett, Aqualung-Favourites und einige Chateau D’Isaster Schmankerln. Komisch, der Mann da oben vor mir auf der Bühne sollte der gleiche sein wie gestern? Der da oben war doch viel größer, die Haare noch viel voluminöser (der muss damit vor dem Auftritt wirklich was gemacht haben), viel verrückter. Und außerdem konnte er zaubern. Nicht nur wir kamen in dieser Nacht nicht mehr aus dem Staunen heraus.
I sniff the air and say: Well, that’s that, I’m going...
Carsten