Alte Heren in Concert
Verfasst: Di Jun 19, 2007 12:53 pm
Heute Abend wollte ich es noch mal wissen und habe den Hamburger Stadtpark aufgesucht, um einem Konzert der englischen Rentnerband The Who beizuwohnen. Der geneigte Leser ahnt es, ich wurde enttäuscht.
Hatte ich doch einige ältere Herren erwartet, die nach 43 Years Of Maximum R & B diesen nun auf ein erträgliches Maß von, sagen wir, Medium oder vielleicht besser Minimum R & B herunter geschraubt haben, kamen die Herren Daltrey (63) und Townshend (62) auf die Bühne und begannen ihren Set nicht, wie erwartet, mit einer beschaulichen Rückschau einiger akustischer Feuerzeug hoch Songs, sondern schockten das ergraute Publikum mit einer “gerockten“ Version von I Can’t Explain. Ich war entsetzt und griff sofort zu meinem Hörgerät, um es auf eine erträgliche Lautstärke hinunter zu regeln, musste dann aber bemerken, dass ich meine Hörhilfe zu Hause vergessen hatte (was man nicht im Kopf hat – da fällt mir ein, muss mein Lecithin nehmen).
Ich versuchte selbstverständlich sofort, Blickkontakt zu den anwesenden Sanitätern aufzunehmen, denn es war für mich ganz klar, dass keiner der Musiker diese Dynamik lange würde durchhalten können und ich vermutete, dass sie medikamentös falsch eingestellt worden waren. Doch keiner der anwesenden Sanitäter schien sich für mich zu interessieren. Ich bereitete mich innerlich auf das Schlimmste vor. Herr Daltrey begann bereits, wie ein Berserker zu brüllen, was ich für einen sich ankündigenden Herzinfarkt halten musste, doch auch sein Kollege Townshend befand sich offensichtlich in Schwierigkeiten, führte doch letzterer wahre Feitstänze auf, die ihn wild auf seine Gitarre einschlagen ließen – offensichtlich ein Hilferuf an die Technik nach einer extra großen Valium, der jedoch ignoriert wurde – und so mussten sich beide Herren (zusammen 125) ihrem schrecklichen Schicksal ergeben. Erst nach einigen weiteren “Rock“ Nummern hatte das eben erwähnte Schicksal erbarmen mit den Herren und es wurde etwas ruhiger. Seltsamerweise brachen sie nicht zusammen sondern es begann ein weiteres Lied, das von Rabbit Bundrick eingeleitet wurde, den ich nicht auf der Bühne erwartet hatte. Vielmehr war ich davon ausgegangen, dass Rabbit von einem Stuntman gedoubelt werden würde, während er selbst aus der komfortablen Ruhe seines Pflegeheims in St. Yves die entsprechenden Knöpfe auf seinem Sequenzer betätigt (unter der mildtätigen aber tatkräftigen Mithilfe von Sister Agnes, die auch dreimal täglich die Einläufe… aber lassen wird das). Er war es tatsächlich selbst.
Es begann, was viele für Baba O’Riley hielten, von dem ich aber im Brustton des stets besser Wissenden sagen konnte, dass es sich um ein Stück von der neuen Langspielplatte der Who handelte. Offensichtlich waren Besserwisser hier nicht gut gelitten. Nachdem ich mir mit einigen Tempotüchern das Bier aus Gesicht und Haaren gewischt hatte, versuchte ich wieder, mich auf das grauenvolle Geschehen auf der Bühne zu konzentrieren und da ich mir mittels Stockeinsatz und hochhalten meiner Blindenbinde ein Platz in der ersten Reihe hatte sichern können, gelang mir dies auch ganz gut.
Ich möchte hier niemanden langweilen und so sei nur bemerkt, dass das Konzert nach fast 2 ½ Stunden ohne größere Zwischenfälle zu Ende ging. Erwähnenswert wäre vielleicht noch, dass Won’t Get Fooled Again unfair lang war, so dass sich irgendwann der gute Herr Daltrey (nicht eben ein Riese in Statur) genötigt sah, seinem Unmut Ausdruck zu verleihen, in dem er einen fast unmenschlichen Schrei an seine Kollegen richtete, was diese aber nur dazu veranlasste, sowohl Tempo als auch Lautstärke deutlich zu steigern. Entsetzlich.
Als alles schon vorbei schien und der Arbeiter Samariter Bund sein gutes Werk verrichtete, indem er den größten Teil des Publikums, aber auch der Aktiven auf der Bühne, zu ihren Bussen bringen wollte, rissen sich die Herren Daltrey und Townshend von ihren Pflegern los (es waren wohl noch immer nicht die richtigen Medikamente gereicht worden) und begannen, wohl in senilem Wahn, ihre große Vergangenheit zu bemühen und quälten das verbliebene Publikum mit einer Art Heavy Metal Version der Tommy Ouvertüre. Viele hatten gehofft, dass das Thema Tommy nach dem obligatorischen Abspielen der Spielhöllen Hymne Pinball Wizard abgehakt gewesen wäre, aber weit gefehlt. Die Geriatriker kannten kein Erbarmen und ließen nun auch noch Amazing Journey und We’re Not Gonna Take It mit einer Dynamik über die Bühne fegen, die vermutlich nicht wenige der anwesenden Rentner in eine tiefe Depression stürzen wird. Ich rechne mit einem Anstieg der Selbstmordrate (Hope I Die Before I Get Old). Dass die beiden in ihrem verwirrten Zustand es tatsächlich fertig brachten My Generation zu Gehör zu bringen, ist unverantwortlich.
Und so schließe ich hier meinen Bericht, um einen Brief an den National Health Service zu verfassen, um anzuregen, derartig renitente Senioren zukünftig nicht mehr von der Insel zu lassen. Wofür halten die sich denn? Da könnte ja jeder kommen.
KH
P.S.: Weiß vielleicht jemand der hier anwesenden, wo ich meine Literflasche Melissengeist gelassen habe – nur zum Einreiben, versteht sich.
Hatte ich doch einige ältere Herren erwartet, die nach 43 Years Of Maximum R & B diesen nun auf ein erträgliches Maß von, sagen wir, Medium oder vielleicht besser Minimum R & B herunter geschraubt haben, kamen die Herren Daltrey (63) und Townshend (62) auf die Bühne und begannen ihren Set nicht, wie erwartet, mit einer beschaulichen Rückschau einiger akustischer Feuerzeug hoch Songs, sondern schockten das ergraute Publikum mit einer “gerockten“ Version von I Can’t Explain. Ich war entsetzt und griff sofort zu meinem Hörgerät, um es auf eine erträgliche Lautstärke hinunter zu regeln, musste dann aber bemerken, dass ich meine Hörhilfe zu Hause vergessen hatte (was man nicht im Kopf hat – da fällt mir ein, muss mein Lecithin nehmen).
Ich versuchte selbstverständlich sofort, Blickkontakt zu den anwesenden Sanitätern aufzunehmen, denn es war für mich ganz klar, dass keiner der Musiker diese Dynamik lange würde durchhalten können und ich vermutete, dass sie medikamentös falsch eingestellt worden waren. Doch keiner der anwesenden Sanitäter schien sich für mich zu interessieren. Ich bereitete mich innerlich auf das Schlimmste vor. Herr Daltrey begann bereits, wie ein Berserker zu brüllen, was ich für einen sich ankündigenden Herzinfarkt halten musste, doch auch sein Kollege Townshend befand sich offensichtlich in Schwierigkeiten, führte doch letzterer wahre Feitstänze auf, die ihn wild auf seine Gitarre einschlagen ließen – offensichtlich ein Hilferuf an die Technik nach einer extra großen Valium, der jedoch ignoriert wurde – und so mussten sich beide Herren (zusammen 125) ihrem schrecklichen Schicksal ergeben. Erst nach einigen weiteren “Rock“ Nummern hatte das eben erwähnte Schicksal erbarmen mit den Herren und es wurde etwas ruhiger. Seltsamerweise brachen sie nicht zusammen sondern es begann ein weiteres Lied, das von Rabbit Bundrick eingeleitet wurde, den ich nicht auf der Bühne erwartet hatte. Vielmehr war ich davon ausgegangen, dass Rabbit von einem Stuntman gedoubelt werden würde, während er selbst aus der komfortablen Ruhe seines Pflegeheims in St. Yves die entsprechenden Knöpfe auf seinem Sequenzer betätigt (unter der mildtätigen aber tatkräftigen Mithilfe von Sister Agnes, die auch dreimal täglich die Einläufe… aber lassen wird das). Er war es tatsächlich selbst.
Es begann, was viele für Baba O’Riley hielten, von dem ich aber im Brustton des stets besser Wissenden sagen konnte, dass es sich um ein Stück von der neuen Langspielplatte der Who handelte. Offensichtlich waren Besserwisser hier nicht gut gelitten. Nachdem ich mir mit einigen Tempotüchern das Bier aus Gesicht und Haaren gewischt hatte, versuchte ich wieder, mich auf das grauenvolle Geschehen auf der Bühne zu konzentrieren und da ich mir mittels Stockeinsatz und hochhalten meiner Blindenbinde ein Platz in der ersten Reihe hatte sichern können, gelang mir dies auch ganz gut.
Ich möchte hier niemanden langweilen und so sei nur bemerkt, dass das Konzert nach fast 2 ½ Stunden ohne größere Zwischenfälle zu Ende ging. Erwähnenswert wäre vielleicht noch, dass Won’t Get Fooled Again unfair lang war, so dass sich irgendwann der gute Herr Daltrey (nicht eben ein Riese in Statur) genötigt sah, seinem Unmut Ausdruck zu verleihen, in dem er einen fast unmenschlichen Schrei an seine Kollegen richtete, was diese aber nur dazu veranlasste, sowohl Tempo als auch Lautstärke deutlich zu steigern. Entsetzlich.
Als alles schon vorbei schien und der Arbeiter Samariter Bund sein gutes Werk verrichtete, indem er den größten Teil des Publikums, aber auch der Aktiven auf der Bühne, zu ihren Bussen bringen wollte, rissen sich die Herren Daltrey und Townshend von ihren Pflegern los (es waren wohl noch immer nicht die richtigen Medikamente gereicht worden) und begannen, wohl in senilem Wahn, ihre große Vergangenheit zu bemühen und quälten das verbliebene Publikum mit einer Art Heavy Metal Version der Tommy Ouvertüre. Viele hatten gehofft, dass das Thema Tommy nach dem obligatorischen Abspielen der Spielhöllen Hymne Pinball Wizard abgehakt gewesen wäre, aber weit gefehlt. Die Geriatriker kannten kein Erbarmen und ließen nun auch noch Amazing Journey und We’re Not Gonna Take It mit einer Dynamik über die Bühne fegen, die vermutlich nicht wenige der anwesenden Rentner in eine tiefe Depression stürzen wird. Ich rechne mit einem Anstieg der Selbstmordrate (Hope I Die Before I Get Old). Dass die beiden in ihrem verwirrten Zustand es tatsächlich fertig brachten My Generation zu Gehör zu bringen, ist unverantwortlich.
Und so schließe ich hier meinen Bericht, um einen Brief an den National Health Service zu verfassen, um anzuregen, derartig renitente Senioren zukünftig nicht mehr von der Insel zu lassen. Wofür halten die sich denn? Da könnte ja jeder kommen.
KH
P.S.: Weiß vielleicht jemand der hier anwesenden, wo ich meine Literflasche Melissengeist gelassen habe – nur zum Einreiben, versteht sich.