Happy New Year!
Offensichtlich hatte jemand im Merchandising die gleiche Idee, die meine Posse und ich schon seit Jahren vertreten: Für uns beginnt das neue Jahr nicht am 1. Januar sondern am Montag nach Cropredy. Und so konnte wer wollte in diesem Jahr einen Kalender käuflich erwerben, der das Jahr von Festivalwochenende zu Festivalwochenende anzeigt. Ich habe mein Geld lieber für Cider ausgegeben.
Mein übrig gebliebenes Ticket habe ich über das TalkAwhile Forum verscheuert – hier wollte es ja niemand haben. Über eBay hätte ich wohl locker den dreifachen Preis bekommen, aber ich bin ein netter Mensch und Gier gehört nicht zu meinen schlechten Eigenschaften (es sei denn, es geht um Cider) und so ging es zum Einkaufspreis an einen Verzweifelten.
Obwohl Cropredy ohne Zweifel immer noch das beste Festival ist, das ich je mit meiner Anwesenheit belästigt habe, bleibt doch festzustellen, dass die lockeren Tage des Festivals vorbei sind. Trafen wir uns früher irgendwann zwischen 11.00 und 14.00 Uhr in Wardington und begossen unser Wiedersehen mit Cider bzw. dem Getränk jedermanns/frau (soviel Zeit muss sein) Wahl, so ist nun schon seit ein paar Jahren der Zeitpunkt unseres Treffens auf 8.30 Uhr verlegt worden. Zu dieser nachtschlafenen Zeit ist der Pub noch nicht geöffnet, die reizende Landlady – geweckt durch unser lautes Geschnatter – hat uns aber immerhin die Toiletten zugänglich gemacht. Wir möchten gerne auf unserem bevorzugten Feld lagern, auf dem wir uns vor vielen, vielen Jahren zum ersten Mal trafen und derartige Gewohnheiten legt man nicht ab.
Nach stabsmäßigem Aufbau des Camps wird erst einmal Bier gefasst (Cider für mich). Danach erkunden des Einsatzgebietes, d.h. vor allem des Cricketfields. Könnte sich ja jemand auf dem Crease verstecken. Dann wieder Bier fassen (diesmal Old Hooky für mich). Hier stößt gewohnheitsgemäß auch ein weiterer Teil unserer erweiterten Posse in Form eines gigantischen Finnen namens R2D2 (you figure it out) und seiner besseren irischen Hälfte zu uns. Also noch ’ne Runde Old Hooky. Ist auch diese Runde, wo sie hin gehört, ist es Zeit zum Aufbruch. Da wir aber nicht auf der Flucht sind, holen wir in der Regel noch eine Runde Old Hooky bzw. zwei. Gut gestärkt geht es zurück ins Basislager zum Curry fassen. Diesmal hatte unsere hochgeschätzte Warmmamsel Cal (Vegetarier weglesen!) eins mit Huhn und eins mit Rind und beide (Vegetarier wieder hinkucken) mit vielen feinen indischen Gewürzen gezaubert. Lamm (ihr Klassiker) konnte sie nicht bekommen bzw. war ihr zu teuer. Da müssen wir noch viel Bewusstseinsarbeit leisten.
Nachdem der Verdauung mit Bier (Cider für mich) auf die Sprünge geholfen ward, wird die Ausrüstung (Campingstühle, Kühltaschen mit Bier – Cider für mich) zusammen gestellt, dann Aufbruch ins Feld… äh, sorry, das war wohl mehr mein Großvater, also Aufbruch
aufs Feld. Platz gesucht (immer in Sichtweite der Bar – Cider für mich – und dennoch in akzeptabler Entfernung zur Bühne). Von diesem zweiten Basislager werden dann Exkursionen gestartet. Die meisten zur Bar. Mein Fastschwiegeronkel und ich haben uns aber auch zur Bühne vorgearbeitet und jetzt geht es los:
Ich muss gestehen dass ich mit den meisten jungen Folk Acts nicht viel anfangen kann und so ging es mir auch mit Kerfuffle (yeah I know). Einiges war groß, anderes nicht so sehr. Aber Phil Cunninghams leitende Hand war deutlich zu hören. Ich mag die traditionelle Musik sehr. Und Singer/Songwriter auch. Beim Mixen (nicht so sehr bei Chris Leslie, aber das ist eine andere Geschichte) habe ich so meine Schwierigkeiten.
Wishbone Ash waren fantastisch. Mein Fastschwiegeronkel nervte die Posse für den Rest des Wochenendes mit der Bemerkung, dass Wishbone Ash alleine den Eintritt wert waren und wer jemals seiner Plattensammlung ansichtig wurde, weiß was das heißt. Ich muss ihm übrigens zustimmen. Schon letztes Jahr in Burg Herzberg hat mir Andy Powell und Mannschaft viel Spaß gemacht. Schön zu wissen, dass das keine Eintagsfliege war.
Seth Lakeman ist mir nur als sanftes und ziemlich langweiliges Folkgeflüster in verschwommener Erinnerung. Um ehrlich zu sein, ich kann mich an ihn so gut wie gar nicht erinnern und wenn Erinnerungsbrocken hochflocken, dann Bemerkungen meiner Posse, er möge seine Bemühungen einstellen. Aber sicher bin ich mir nicht. War er wirklich da?
Jools Holland. Hierzulande fast unbekannt. Ein Gigant. Selbst mit Erkältung. Und sein Rhythm and Blues Orchestra. Eine Erleuchtung. Bläsersätze in Präzision mal eben dahin geworfen. Dazu Ruby Turner und Lulu. Hierzulande ebenfalls fast unbekannt. Lulu ist so eine Art jung gebliebene Katharina Valente mit R’n’B Schmackes. War jedenfalls fantastisch. Mein Fastschwiegerneffe (17 Jahre und Heavymetallist mit Gig in Peterborough Ende des Monats – kann mich gerade nicht an den Namen der Band erinnern, wahrscheinlich irgendwas mit Death, War, weiß der Geier) hat sein hart eingestecktes Taschengeld für eine Jools Holland spielt mit Tom Jones CD auf den Tisch des CD Zeltes gelegt – muss ich mehr sagen? Ich habe allerdings mit seinen CDs nie so viel anfangen können. Aber live ist der Mann und seine Combo der Knaller.
Nach Sonnenuntergang wurde es empfindlich kalt. Hier meine Theorie (hat nix mit Klimawechsel zu tun): Der Boden war mit Wasser gesättigt. Den ganzen Tag scheint nun die Sonne auf den Boden und erwärmt letzteren. Dann geht die Sonne unter und der erhitzte Boden gibt weiter die Feuchtigkeit ab. Da die wärmenden Strahlen der Sonne fehlen wird nun die feuchtigkeitsgesättigte Luft über dem Boden empfindlich kalt. Haben wir hier irgendwelche Physiker, die meine in ciderumnebeltem Hirn entstandene Theorie bestätigen können? Wäre schön. Nobelpreisnominierung erwarte ich nicht.
Auf zum Freitag. Die ersten Acts ziehen gewohnheitsgemäß an mir vorbei, vor allem weil ich mich meistens an der Bar aufhalte. Da die Sonne wieder brannte, musste ich mich für eine Weile setzten und da waren gerade Mad Agnes auf der Bühne. Wer’s mag. Ich mag’s nicht. Wenn es etwas schlimmeres gibt als Fock Music, dann Amis, die á la back-to-the-roots Fock Music verbrechen und das Publikum zum Hüpfen auffordern. Und so begab ich mich wieder zur Bar. Dies hatte zur Folge, dass ich auch die nächsten Bands mehr oder weniger an mir vorbeifließen ließ. Bei Viva Santana habe ich ein Nickerchen gehalten, das war angenehm. Ich habe schon so manche Santana Cover Band gehört (die beste ca. 1979 im “Z“ in Hamburg) und diese war par mit dem Rest. Aber angenehm, wenn man die Augen schließt und die Seele baumeln lässt – das klingt jetzt aber scheiße, das mit der baumelnden Seele meine ich.
Für Show of Hands war ich dann wieder wach. Hier haben wir einen Fall von Fock Music den ich mag. Und nette Erinnerungen an den Folk Club in Nettlebed und an einen Open Air Gig im MAC (Midlands Art Center) in Birmingham vor ein paar Jahren. Der vielleicht beste Auftritt, den Phil Beer und Steve Knightley in meinen Augen hatten, war der bei Swarbaid II. Statt auf der Bühne den Dicken zu geben, haben sie im Foyer der Symphony Hall gespielt, den Gitarrenkoffer geöffnet vor sich, um auf diese Weise Knete für Swarbricks bevorstehenden Operationen zu sammeln. Das war großartig.
Mit Show of Hands verhält es sich übrigens ähnlich wie mit Getränken oder anderen Dingen, die man aus dem Urlaub mit nachhause nimmt: In ihrem eigenen Land klingen (oder schmecken) sie großartig, ist man wieder zuhause, passt es irgendwie nicht. Ich glaube, dass die beiden das wissen und deshalb Hierzulande nicht auftreten. Zudem haben sie genug damit zu tun, kreuz und quer durch England zu touren.
Es nahte der nächste Höhepunkt in Form der Liege & Lief Besetzung (minus Sandy Denny, plus Chris While). Olle Swarbrick auf der Bühne STEHEN zu sehen, war schon schön. Richard Thompsons Gitarre perlte überirdisch und der Rest war auch nicht schlecht. Wenn man die Augen schließt, dann klingt Chris While sehr nach Sandy Denny. Setlist: siehe Liege & Lief. Als Ashley Hutchings ankündigte, dass es keine Zugabe geben würde, da man nur und nur Liege & Lief spielen würde, schossen aus so mancher Kehle die Worte: “And what about the bonus tracks?“ Hamwa, aber so was von.
Whistling Catfish hat geschrieben:Danach fiel für mich der folgende Gig von der von einigen Damen und Herren hier doch stark verehrten Richard Thompson Band dramatisch ab!
… ich fand die RTB Band regelrecht langweilig! Fast so langweilig wie Eric Clapton....
Das erklärt einiges. Mein Beileid.
Leider fiel beim ersten Song “Needle And Thread“ Richards Mikrofon aus und es hatte zunächst fast den Anschein, dass er den Text vergessen hatte. Ich war zu weit von der Bühne entfernt, um ihn vernünftig sehen zu können. Aber da, wo ich stand, war der Sound von erster Güte. Nach dem Auftritt gab es sogar von erklärten Thompson-nicht-mögern ungläubiges Kopfschütteln über dessen Meisterschaft und die Dame, die das Festival viele Jahre organisiert hat, ließ am nächsten Tag an der Bar verlauten, Richard Thompson wäre/hätte “no competition“.
An dieser Stelle muss ich mich einmal mehr über die Dummheit, ja geradezu Unfähigkeit, der großen Plattenfirmen wundern. Von Liege & Lief erscheint demnächst eine 2-CD Deluxe Edition und von Richard & Linda Thompson ein Konzert von 1975. Gab es eine davon auf dem Festival zu kaufen? Nein. Die Dinger wären weggegangen, wie geschnitten Brot.
Der Samstag begann gewohnheitsgemäß mit Richard Digance. An dieser Stelle frage ich, wie schon vor einem Jahr, die hier anwesenden nochmals, ob nicht irgendjemand eine vernünftige Version des Tull Auftritts in der Richard Digance Show von 1980 hat? Niemand? Tragisch.
Kommen wir zu einem weiteren Höhepunkt des Festivals: The Strawbs. Abgefahren, verschroben, proggig, was man möchte. Die alten Herren haben mich schlicht umgehauen. David Cousins’ Stimme changiert zwischen Alex Harvey und Captain Beefheart um dann fast engelsgleich… aber nein, das ist Unfug. Einfach nur geil. Reinhören!
Fairport kamen diesmal Genesis mäßig daher, mit Großbildleinwand, Weihnachtsbeleuchtung und zwei Schlagzeugen. Glücklicherweise waren diese nicht von Phil C. und Chester T. (nichts gegen Letzteren) besetzt, sondern von Gerry Conway und Dave Mattacks, also zwei Ex-Tullies. Da das ganze gefilmt wurde, erspare ich mir und Euch weitere Worte. Warten wir auf die DVD.
Nicht mehr ganz ein Jahr…
KH