Still ruminating - Finding Ourselves Between Concerts
Verfasst: Do Jun 25, 2026 2:29 pm
Jethro Tull – The Curiosity Tour 2025/2026
Still ruminating….
(von Jogi Neumann)
I. Overtüre
Finding Ourselves Between Concerts
Jede Reise beginnt mit einer Illusion. Wir glauben zu wissen, wohin sie uns führt. Das Datum steht fest, der Zielort steht auf dem Ticket. Und dennoch beginnt die eigentliche Reise erst viel später. Nämlich dann, wenn man das Erlebte für sich persönlich verarbeitet und einordnet.
„I count my life in seconds passed
In meeting minutes, hours surpass
Days of quiet watching; thought bubble clouds
Flow through the years, wondrin’ aloud”
(Ian Anderson, “Curious Ruminant”, 2025)
Meine persönliche “Curiosity Tour” mit Jethro Tull begann bereits vor rund 40 Jahren. Und seither dauert sie an. Irgendwann ist ein Konzertbesuch mehr als ein bloßes Event. Er wird zu einer Tradition und die Reise zu einer Art Ritual. Er wird Teil der eigenen Geschichte. Das betrifft die Musik und die Orte, aber vor allem auch die Menschen, die einem vor diesem Hintergrund begegnen. Manche von ihnen werden zu wichtigen und lieben Fixpunkten im persönlichen Universum – stark und innig verbunden mit der Musik und mit einem selbst.
Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr versuche den Leuten zu erklären, warum man sich wieder einmal aufmacht, um weitere Jethro Tull Konzerte zu besuchen. Selbst nahestehende Personen, die diese Leidenschaft nicht teilen, können es nicht verstehen. Im besten Fall sehen sie es als eine schrullige Marotte an. Es ist wahrscheinlich unmöglich, einem Außenstehenden zu erklären, warum ansonsten vollkommen vernünftige, erwachsene Menschen kreuz und quer durch Europa reisen, um Songs zu hören, die sie bereits in- und auswendig kennen. Und doch ist die Frage nicht unberechtigt. Die Antwort darauf ist vermutlich höchst persönlich. Ich denke nach.
„Asking "Why am I here?"
Answering "Why am I anywhere?"
Orbiting construct of Jung and Freud
Psycho dreaming asteroid ”
II. Gegenwart
Bad Krozingen, im Juni 2025
„This is 1968!“ ruft Ian Anderson ins Publikum, als er die Bühne betritt, um die Show mit „Some Day The Sun Won’t Shine For You“ zu eröffnen. Ich verstehe das als eine charmante Einladung, nostalgisch zurückzublicken. Doch ich mag ihr nicht folgen. Ich blicke woanders hin. Nicht zurück. Meine Augen ruhen auf der Bühne. Aber ich selbst blicke nach innen. Und was ich dort sehe erfüllt mich nicht mit Nostalgie – vielmehr spüre ich den Moment, das Hier und Jetzt.
Nostalgie ist eine merkwürdige Sache. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Heimweh“ oder auch „schmerzliche Sehnsucht nach Vergangenem“. Auf mich wirkt Nostalgie manchmal wie der Versuch, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu vergleichen. Ich empfinde das nicht als hilfreich. Im Gegenteil. Musik ist kein Konservierungsmittel. Musik – und speziell ein Konzert – kennt keine Vergangenheit. Ein Konzert existiert immer nur im Jetzt.
Nein, Ian… es ist nicht 1968, es ist 2025. Und genau das gibt dem Abend Bedeutung.
III. Zeit
Kloster Hirsau, Calw, im Juni 2025
Die Mauern des Klosters Hirsau stehen hier bereits seit fast 1.000 Jahren. Wenn man dem die 57 Jahre Bandgeschichte gegenüberstellt, wirkt sie allenfalls wie ein Wimpernschlag. Als die Band an diesem Abend „Thick As A Brick“ zu spielen anfängt, schweift mein Blick in das restlos ausverkaufte Auditorium das sich heute in dieser beeindruckenden Spielstätte eingefunden hat. Während Ian Anderson und seine wunderbare Band diesen Klassiker über das Erwachsenwerden mit großer Kraft vortragen, wird mir die Dimension dieses Ortes und des Songs erst richtig bewusst.
Der mächtige „Brick“ – für mich persönlich noch immer das Opus Magnum der kommerziellen Rockmusik. Ein wahres Gesamtkunstwerk. Anderson schrieb den ersten Teil dieses Werkes, als er 24 Jahre alt war. Als augenzwinkernde Parodie auf die Prog-Rock-Ausschweifungen dieser Zeit, und schuf dabei ungewollt die Mutter aller Prog-Epen. Und während er es damals aus der Perspektive eines jungen Mannes schrieb – bleibt seine Performance als fast 80-Jähriger absolut glaubhaft. Das Stück funktioniert heute anders als damals. Es ist die vergangene Zeit, die es anders schwingen lässt. Während die Worte und die Töne noch immer dieselben sind, sind wir es nicht mehr. Er. Ich. Und alle anderen. Wir alle sind älter. Wir alle haben uns verändert.
Ich blicke in die Gesichter meiner treuen Freunde, die heute mit mir hier sind. Rene und Walter. Ich kenne beide seit Jahrzehnten. Gemeinsam erlebten wir unzählige Konzerte. Sie lauschen der Musik. Geradezu andächtig. Voller Hingabe. Wie schon Jahrzehnte zuvor – und doch ist es jedes Mal anders. Mir fällt ein Satz ein, den ich einmal gelesen habe: „Kunst ist Veränderung“. Erst jetzt fange ich an, ihn zu verstehen. Denn Kunst verändert sich nicht, weil das Werk sich verändert, sondern weil wir es tun. Die Zeit gibt der Kunst den Resonanzraum. Mit jedem Jahr, jeder Erfahrung eines gelebten Lebens bringt sie neue Schwingungen hervor – Abend für Abend. In diesem Augenblick jedenfalls fühlt es sich sehr lebendig an.
Ich nehme einen Schluck Bier und mir wird bewusst, dass über die Jahrhunderte tausende von Menschen zwischen diesen Mauern umhergewandelt sind. Ihre Namen, ihre Schicksale sind längst vergessen. Mönche, Handwerker, Dirnen, Gelehrte. Ich freue mich, hier zu sein. Ich trinke auf das Leben.
Am nächsten Morgen traten wir alle die Heimreise in unser Alltagsleben an. Walter nach Süden, Rene nach Osten und ich nach Norden. Jeder für sich – jeder um einige Erinnerungen reicher (und mehrere hundert Euro ärmer).
IV. Welt
Brüssel, im September 2025
Vom beschaulichen Schwarzwald in das politische Herz Europas. Der Kontrast konnte kaum größer sein. Brüssel empfängt uns nicht mit der klösterlichen Ruhe von Hirsau, sondern mit der bunten Betriebsamkeit einer Metropole der Gegenwart. Einer Metropole der Macht. Wir stellen unsere Autos in einem Parkhaus am Rande der Stadt ab und fahren mit dem Zug in die europäische Hauptstadt. Im Zug herrscht babylonisches Sprachgewirr. Menschen aus aller Herren Länder – jeder auf dem Weg irgendwo hin. Politfunktionäre in teuren Anzügen, Arbeiter, dunkelhäutige Frauen in bunten, exotischen Gewändern und ihre Kinder – mittendrin sind Rene und ich. Im Zentrum Brüssels steigen wir aus. Das kleine, aber elegante Boutique-Hotel ist nur wenige Schritte vom Königlichen Circus entfernt. Auch das gläserne, kühl anmutende Gebäude der Europäischen Kommission befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft.
Wir beschließen ein wenig die Stadt zu erkunden. Wir sehen das belgische Parlament. Von dort gehen wir in den Warandepark, dem zentralen Stadtpark Brüssels. Auf der anderen Seite des Parkes, befinden sich etliche Botschaften. Die der USA erscheint im Vergleich zu den anderen wie eine Festung. Bullige Männer in Kevlarwesten stehen mit Maschinengewehren in den Händen davor. Die Flaggen der Botschaft wehen auf Halbmast. Mir fällt ein, dass heute der 11. September ist. Gestern wurde Charlie Kirk erschossen. Es sind merkwürdige Zeiten, in denen wir leben.
Es ist kein Zufall, dass mir hier „The Zealot Gene“ in den Sinn kommt. Ein Stück über das Dilemma unserer modernen Gesellschaft. Dieser Song über die unerbittliche Polarisierung, dem Verlust jeglicher Nuancen und dem durch die Algorithmen der sozialen Medien mehr und mehr befeuerten Hass, entfaltete an diesem Ort eine ganz besondere Kraft. Hier in Brüssel, wo die Kräfte des Zusammenhalts und die Kräfte der Spaltung sich in täglichem politischen Kampf gegenüberstehen.
Im Konzert selbst spüre ich das jedoch nicht. Für ein paar Stunden erscheint die Welt wieder ein wenig einfacher. Einiger. Friedlicher. Ich frage mich, ob diese Musik für mich heute vielleicht ganz generell eine andere Bedeutung als früher bekommen hat. Ist sie zu einer Konstante in einer sich stets und immer schneller verändernden Welt geworden? Möglich. An diesem Abend merke ich jedenfalls, dass sie für mich heute tatsächlich einen noch höheren Wert hat, als dies am Anfang der Fall war.
V. Freundschaft
Lüttich, im September 2025
Der Weg von Brüssel nach Lüttich ist nur kurz und doch liegen Welten zwischen diesen beiden belgischen Städten. Lüttich ist nicht sonderlich hübsch, nicht sonderlich elegant. Dennoch versprüht es seinen eigenen Charme. Ein bisschen rau, etwas unangepasst, aber entwaffnend echt und unprätentiös.
Nach der hochglanzpolierten Regierungsstadt mit ihrer intellektuellen Schwere ist es Zeit den Kopf freizubekommen. Zeit für Leichtigkeit. Die vielen jungen Menschen auf den Straßen Lüttichs versprühen Lebensfreude und die ganze Stadt strahlt eine schwer zu beschreibende Herzlichkeit aus. Das macht es auch uns leicht, einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Es ist noch früh – wir haben den ganzen Tag vor uns. Wir schlendern durch die Straßen. Ich kenne Rene seit fast 20 Jahren. Sah ihn quasi erwachsen werden. Und doch lerne ich erst heute, dass er eine Phobie gegen Tauben hat. Und davon gibt es in Lüttich reichlich. Ich habe meinen Spaß. Er auch, jedoch immer gewürzt mit einem Hauch von Panik – denn die gefiederten Gesellen folgen ihm überall hin. Selbst ins Restaurant. Es scheint fast so, als wüssten sie es. Wir müssen lachen. Wir essen „Moules et frites“, trinken belgisches Bier und plaudern. Stundenlang. Wir schlendern durch die Straßen, saugen diese ganz besondere, lebenslustige Atmosphäre dieser multikulturellen Stadt auf. Immer wieder stoppen wir – lassen uns nieder auf einen Drink und schlendern danach weiter. Mir wird bewusst, wie sehr ich Renes Gesellschaft genieße. Er möchte die „Montagne de Bueren“, mit 364 Stufen die zweithöchste Treppe Belgiens, erklimmen. Ich frage ihn, ob er noch alle Tassen im Schrank hat.
Dennoch gehe ich mit. Oben angekommen stellen wir fest, dass es dort keinen Pub gibt – doch immer noch Tauben. Es geschieht ihm recht. Wir gehen wieder runter – trinken noch eines dieser vorzüglichen Biere. Wir sitzen zusammen, wir blödeln herum und genießen den Tag. Inmitten der skurrilen Kulisse der Lütticher Altstadt wird mir klar, dass die „Curiosity Tour“ eben nicht nur eine Reise zur Musik ist, sondern vor allem eine Reise zueinander. Die Musik Jethro Tull’s ist der Klebstoff, der uns über Jahrzehnte zusammengehalten hat. Und auch wenn wir heute nur zu zweit sind, reden wir über die anderen. Jeffrey, Walter und heute auch speziell Dave, Martin und Frank – die wir eigentlich hier in Belgien treffen sollten, die es jedoch aufgrund widriger Umstände nicht bis hierhergeschafft haben. Wir erzählen uns die Geschichten trotzdem.
Die Band spielt wie ein präzises Uhrwerk. Das Konzert am Abend ist ebenfalls wieder superb. Ganz besonders berührt mich heute „Mother Goose“ – dieser wunderbar versponnene, kollagenartige Bilderbogen voller skurriler Charaktere bringt das Gefühl des Tages für mich auf den Punkt. Es tut gut zu wissen, dass eine verrückte Welt noch immer Platz hat für so schräge Vögel wie uns. Und für Tauben. Der arme Rene.
VI. Intermezzo
September 2025 – Juni 2026
René musste bereits früh den langen Heimweg in seine tschechische Heimat antreten. Sehr früh. Ich hatte es da ein wenig besser. Aber auch ich machte mich zeitig auf den Weg zurück nach Deutschland. In der Stereoanlage meines Wagens lief Curious Ruminant, während ich mit moderater Geschwindigkeit der Heimat entgegenfuhr. Kilometer um Kilometer ließ ich die vergangenen Wochen noch einmal Revue passieren. Vier Konzerte. Vier Städte. Vier ganz unterschiedliche Stimmungen.
Mit etwas Abstand wurde mir bewusst, wie außergewöhnlich konstant das Niveau dieser Tour bisher war. Vor allem aber, was sie nicht war. Sie war keine Nostalgieveranstaltung. Das Programm spannte zwar einen Bogen über beinahe sechs Jahrzehnte – von 1968 bis 2025 – enthielt aber zahlreiche Stücke der jüngsten Alben, sogar unveröffentlichtes Material, und natürlich die unvermeidlichen Klassiker. Überraschenderweise gehörten für mich ausgerechnet die beiden neuen Stücke zu den Höhepunkten des Abends. Der nachdenkliche Titeltrack Curious Ruminant und vor allem das epische, tief bewegende Over Jerusalem. Letzteres schien Ian Anderson mit einer besonderen Intensität vorzutragen. Fast so, als läge ihm dieses Stück besonders am Herzen.
Überhaupt Ian Anderson. Noch immer ist er der unumstrittene Mittelpunkt dieser Band. Natürlich bewegt sich ein fast Achtzigjähriger heute anders als der Mann, der einst auf einem Bein über die Bühnen dieser Welt sprang. Der zu fliegen imstande zu sein schien. Auch die Stimme erzählt inzwischen ihre eigene Geschichte. Doch auch das verleiht seiner Performance heute eine andere Qualität. Er versucht nicht, gegen die Zeit anzuspielen. Er nimmt sie mit auf die Bühne.
Auch die Band hat sich verändert. Sie ist heute weniger eine klassische Rockband als vielmehr ein außergewöhnlich präzises Ensemble. Die Musik wird mit großer Sorgfalt und beeindruckender Genauigkeit interpretiert. Weniger spontan, weniger ungestüm als früher – dafür differenzierter, transparenter und erstaunlich werkgetreu. Das mag man vermissen oder begrüßen. Ich persönlich empfinde es weder als besser noch als schlechter. Es ist schlicht eine andere Art, dieselbe Musik zu erzählen. Und vielleicht ist genau das der würdevollste Weg, ein Lebenswerk nach fast sechs Jahrzehnten weiterzutragen.
Ich lächle. Ich bin froh.
Nur wenige Tage später vergeht mir das Lächeln allerdings, als ich eines Nachts vom Rettungswagen unter Schmerzen ins Krankenhaus gefahren werde. Es gibt für alles ein erstes Mal…….
(8 Monate später)
VII. Suche und Erkenntnis
Thale, im Juni 2026
Ich hatte Glück und die Krankheit nach Aussage der Ärzte ohne bleibende Schäden überstanden. Eine kleine Routineoperation im November noch und ich war komplett wiederhergestellt. Natürlich nicht ohne die für Ärzte typischen Ratschläge. Alkohol und Zigaretten. Man kennt das. Ich halte mich daran. Wenigstens zum Teil. Meistens.
Mein tägliches Leben ist sehr geschäftig. Viel Druck. Viel Verantwortung. Ich freute mich sehr auf den Trip nach Ostdeutschland. Ich brauchte dringend eine Pause vom Alltag. Deshalb beschloss ich, bereits einen Tag früher nach Thale, ins sagenumwobene Bodetal zu reisen. Ich war noch nie dort gewesen. Die Landschaft, ihre Legenden und die Aussicht auf einen Tag ganz für mich allein schienen genau das Richtige zu sein, bevor René und Jeffrey, den ich lange nicht mehr gesehen hatte, dazustoßen würden.
Meine Hoffnung auf Ruhe und Privatsphäre sollte sich erfüllen. Aber sowas von.
Die Anfahrt dauerte rund fünf Stunden. Als ich ankam, regnete es. Das Berghotel auf dem Hexentanzplatz liegt überaus reizvoll, hoch über dem Bodetal. Schroffe Felsen, dichte Wälder und eine endlose Sicht. Rund um das Hotel allerdings empfängt den Besucher eine bunte Mischung aus Hexenfiguren, Teufelsstatuen und Souvenirgeschäften – irgendwo zwischen Sagenwelt und Freizeitpark. An diesem regnerischen Donnerstagnachmittag wirkte das alles jedoch nahezu verlassen.
Ich checkte ein.
Die freundliche Rezeptionistin blickte kurz auf ihren Bildschirm und sagte:
„Sie sind der Hausgast.“
Ich verstand zunächst nicht, was sie meinte.
„Der Hausgast?“
Sie lächelte.
„Nun … Sie sind heute Nacht unser einziger Gast.“
Sie händigte mir meinen Zimmerschlüssel aus und fragte, ob ich noch etwas essen wolle.
Wenige Minuten später saß ich allein im Restaurant. Der Blick aus dem Fenster war spektakulär. Schroffe Felsen. Tiefe Täler. Endlose Weite.
Ich bestellte Rinderrouladen mit Klößen. Und ein großes Bier.
Für einen kurzen Moment meldete sich die Stimme meines Arztes in meinem Hinterkopf. Der Kellner hörte sie zum Glück nicht.
Das Essen war ausgezeichnet.
Als ich bezahlt hatte, fragte mich der Kellner, ob ich für die Nacht noch etwas benötigte. Ich verneinte.
Ein paar Augenblicke später war ich allein.
Allein in einem Berghotel. An jenem Ort, von dem die Menschen einst glaubten, dass hier des Nachts die Hexen mit dem Teufel tanzten.
Ich musste unwillkürlich an Jack Torrance denken.
Ich zog mir meine Lederjacke an und ging nach draußen. Es hatte etwas Surreales, mich in diesem disneyesquen Szenario völlig allein zu bewegen. Ich betrachtete die skurrilen Statuen, die verschlossenen Souvenirgeschäfte. Wenig entfernt befinden sich massive Parkplätze. Morgen werden sie rappelvoll sein. Heute sind sie vollkommen leer. Und so unheimlich das auch klingen mag – ich fühlte mich selten so wohl.
Ich beschloss mir das Bergtheater – den Schauplatz für das morgige Konzert anzuschauen. Der Weg führt durch einen Wald. Gesäumt von hölzernen Hexen- und Teufelsstatuen. Für meinen Geschmack ein wenig zu viel der Mythologie – der Ort an sich versprüht auch ohne künstlich-kitschige Abbilder einen geheimnisvollen Mythos.
Als ich am Bergtheater ankam, musste ich tatsächlich durchatmen. Nicht weil mich der kurze Fußmarsch physisch belastet hätte (immerhin hatte ich die belgischen Treppen auch noch mit Würde geschafft), sondern ob seiner natürlichen Schönheit.
Hoch über der kleinen Stadt Thale überblickt man das gesamte Tal. Ich schaue mich um. Unten, am Fuß des beeindruckenden Amphitheaters, höre ich Stimmen. Die Bühne für das morgige Konzert wird aufgebaut. Ich begebe mich zum Bühneneingang und frage eine freundliche, junge Frau der Bühnencrew, ob ich das Theater betreten dürfe, um ein Foto zu machen. Sie lächelt und gestattet es mir.
Ich betrete das Bergtheater hinter der noch nicht fertigen Bühne und gehe die steile Treppe zu den Rängen hinauf. Unten auf der Bühne herrscht ruhiges, dennoch geschäftiges Treiben. Man hört ruhige Stimmen und metallisches Klingen. Konzentriert und ruhig arbeiten diese Menschen. Junge Männer und Frauen. Jeder weiß, was er zu tun hat. Jeder Handgriff scheint zu sitzen.
Für einen kurzen Moment schweifen meine Gedanken zu meinem eigenen Berufsalltag. Ich schiebe sie beiseite. Sie gehören nicht hierher.
Es fängt wieder an zu regnen. Es ist mir egal. Für ein paar Augenblicke lasse ich mich mitten auf den Rängen nieder und blicke über das Tal. Der kühle Regen fühlt sich gut an auf meinem Gesicht. Auf meiner Brille nicht so sehr. „Wicked Windows“ kommt mir in den Sinn. „I review my past, through wicked windows, framed in silver”. Schwarzer Kunststoff in meinem Fall.
________
Am nächsten Morgen präsentiert sich der Hexentanzplatz völlig anders. Die Sonne strahlt am Himmel. Und Gondel für Gondel befördert die Seilbahn neue Touristen an den Hexentanzplatz. Familien mit Kindern, Rentnergruppen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die ersten Gäste mit Jethro Tull T-Shirts aus der Seilbahn steigen oder vom Parkplatz in die nun geöffneten Biergärten strömen. Ich gehe auf den vielen Wanderwegen rund um den Platz spazieren und genieße den Vormittag. Rene schreibt mir eine Textnachricht. Er hat die deutsche Grenze passiert und wird in wenigen Stunden hier sein. Ich freue mich darauf ihn wiederzusehen.
Ich setze mich in einen der Biergärten, direkt am Steinkreis mit den Hexenfiguren. Zwischen den Souvenirgeschäften und den Touristen laufen dämonische Gestalten in Fellgewändern und grotesken Masken umher. Ich muss schmunzeln. Bei manchen Gestalten ist es nicht ganz eindeutig, ob sie Konzertgäste sind oder dem touristischen Unterhaltungsprogramm dienen. Es ist schön hier zu sein.
Rene trifft ein. Ich sehe ihn, wie er mit seinem Rollkoffer ins Hotel geht. Er sieht mich nicht. Sekunden später klingelt mein Telefon. „Ich bin da!“, sagt Rene. „Ich weiß“, antworte ich. Wenig später sitzen wir gemeinsam in der Sonne und trinken ein Bier.
Rene ist ein wenig unruhig. Er möchte wissen, wo die Arena ist. Ich erzähle ihm von gestern. Er möchte sie sehen. War ich in seinem Alter auch noch so? Ich glaube ja. Also gehen wir – zumindest in die Richtung. Denn als wir an der Seilbahnstation ankommen, sehe ich, wie eine der Gondeln ein vertrautes Gesicht ausspuckt. Es ist mein alter Freund Jeffrey.
„Jeffrey!“, rufe ich und unsere Blicke treffen sich sofort. Es ist eine Weile her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Doch als wir uns in die Arme schließen, ist die Zeit dazwischen sofort weggewischt. So wie es immer schon war. Jeffrey hat dieses unerschütterliche, schelmische Grinsen im Gesicht, das er schon vor dreißig Jahren hatte. Damals, als unsere Reisen noch weniger von malerischen Klöstern, sondern eher von billigen Hotelzimmern, verrauchten Kneipen und chronischem Schlafmangel geprägt waren.
Rene muss auf das Bergtheater warten. Die Ankunft meines alten Weggefährten gebietet die Rückkehr in den Biergarten. Wir sitzen in der Sonne, drei kalte Bier vor uns. Wenn man uns so beobachtet, könnte man meinen, wir seien vernünftig geworden. So halbwegs. Wir reden über unsere Familien, unsere Jobs – ja sogar über unsere Gärten und darüber welche Ratschläge uns die Ärzte zuletzt gegeben haben. Wir trinken in moderatem Tempo. Es ist alles spürbar ruhiger, gesetzter – ja vielleicht sogar zivilisierter geworden.
Und doch sitzt ein unsichtbarer vierter Gast mit an diesem Tisch: Das Echo unserer gemeinsamen Vergangenheit. Es schwingt in jedem Lachen mit. Es blitzt auf, wenn wir uns von der durchzechten Nacht in Hanau erzählen, oder der völlig aus dem Ruder gelaufenen Reise nach Canterbury – die statt in Großbritannien in einem Etablissement im eingeschneiten Sauerland endete. Geschichten mit Walter, Dave, Frank, Martin und all den anderen. Manche sind schon nicht mehr unter uns. Es sind Geschichten über Wildheit und Exzesse.
Heute jagen wir diesen Exzessen nicht mehr nach. Wir brauchen sie nicht mehr, um uns lebendig zu fühlen. Aber das Wissen darum, das wir diese ausschweifenden Nächte gemeinsam erlebt haben, bildet das Fundament, auf dem wir heute hier auf diesem Berg im Harz sitzen. Wir sind vielleicht zahmer geworden. Aber trotzdem sind wir heute hier. Wir stoßen auf uns an. Im Klang der Gläser schwingt der Nachhall jahrzehntelanger Rock’n’Roll-Freundschaft.
Vor dem Konzert treffen wir noch einige alte Bekannte. Einer von ihnen begleitet mich bereits seit meinen Beggar’s Farm News Tagen. Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen. Als ich ihn dort sitzen sehe, erschrecke ich beinah. Er wirkt viel älter als ich ihn in Erinnerung habe. Er erzählt mir offen, dass die letzten Jahre nicht leicht gewesen sind. Doch während wir über Reisen, Konzerte, Kinder und Ehefrauen sprechen, bricht immer wieder dieses vertraute Lachen aus ihm heraus. Erst zaghaft, dann immer öfter und herzlicher. Es ist dasselbe Lachen wie vor zwanzig Jahren. Für einen Augenblick ist die Zeit verschwunden.
Auch auf der Bühne wartet an diesem Abend eine Überraschung. Jack Clark fehlt, weil er in England bei der Geburt seines ersten Kindes ist. Offenbar haben selbst internationale Rockmusiker einen Anspruch auf Elternzeit. Stattdessen spielt Florian Opahle die Gitarre. Als sich unsere Blicke treffen, winkt er herüber. Es ist schön zu sehen, dass Ian Anderson auch heute noch auf Florian zählen kann.
Später am Abend beginnt die Band ein Stück, welches hier, an diesem außergewöhnlichen Ort, eine fast magische Kraft entfaltet. Als die ersten Akkorde durch das Amphitheater hallen, blicke ich links und rechts in die Gesichter meiner Freunde. Und Ian singt diese Zeile, die mir tief unter die Haut geht: „Life's long celebration‘s here, I’ll toast you all in penny cheer“. Alles fällt in diesem Augenblick an seinen Platz. Ich bin mit mir im Reinen.
VIII. Coda
Zwickau, im Juni 2026
Zwickau empfängt uns bei strahlendem Sonnenschein. Wir checken im Hotel ein. Versuchen es zunächst. Es ist ein Self-Check-In und ich habe natürlich keine der erklärenden e-mails gelesen. Ich rufe die Nummer an der Tür an und lasse es mir von der Dame am anderen Ende noch einmal erklären.
Wir sind völlig entspannt. Wir gehen essen und plaudern über Boxsets. Der Kellner bringt zwei Schnäpse mit der Rechnung.
Rene möchte zum Venue. Ein klassisches ostdeutsches Freilufttheater. Idyllisch gelegen an einem See. Wir fühlen uns leicht. Unbeschwert. Jeffrey stößt zu uns. Wir hören die Band beim Soundcheck. Sie spielen „Mother Goose“ und „Curious Ruminant“. Wir sitzen im Biergarten und freuen uns. Auf das Konzert – und darüber das wir hier sind.
Wenige Stunden später tun wir alle das, was wir schon immer taten. Wir stehen vor der Bühne. Anderson und die Band darauf. “No way to slow down!“.
Seit Jahrzehnten fahren wir nun schon in diesem Zug. Haben uns in ihm kennengelernt. Es ist eine schöne Reise. Wir freuen uns auf die Stationen, die da noch kommen mögen.
Jede Reise beginnt mit einer Illusion. Enden wird sie mit Gewissheit. Aber noch nicht jetzt…….
Still ruminating….
(von Jogi Neumann)
I. Overtüre
Finding Ourselves Between Concerts
Jede Reise beginnt mit einer Illusion. Wir glauben zu wissen, wohin sie uns führt. Das Datum steht fest, der Zielort steht auf dem Ticket. Und dennoch beginnt die eigentliche Reise erst viel später. Nämlich dann, wenn man das Erlebte für sich persönlich verarbeitet und einordnet.
„I count my life in seconds passed
In meeting minutes, hours surpass
Days of quiet watching; thought bubble clouds
Flow through the years, wondrin’ aloud”
(Ian Anderson, “Curious Ruminant”, 2025)
Meine persönliche “Curiosity Tour” mit Jethro Tull begann bereits vor rund 40 Jahren. Und seither dauert sie an. Irgendwann ist ein Konzertbesuch mehr als ein bloßes Event. Er wird zu einer Tradition und die Reise zu einer Art Ritual. Er wird Teil der eigenen Geschichte. Das betrifft die Musik und die Orte, aber vor allem auch die Menschen, die einem vor diesem Hintergrund begegnen. Manche von ihnen werden zu wichtigen und lieben Fixpunkten im persönlichen Universum – stark und innig verbunden mit der Musik und mit einem selbst.
Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr versuche den Leuten zu erklären, warum man sich wieder einmal aufmacht, um weitere Jethro Tull Konzerte zu besuchen. Selbst nahestehende Personen, die diese Leidenschaft nicht teilen, können es nicht verstehen. Im besten Fall sehen sie es als eine schrullige Marotte an. Es ist wahrscheinlich unmöglich, einem Außenstehenden zu erklären, warum ansonsten vollkommen vernünftige, erwachsene Menschen kreuz und quer durch Europa reisen, um Songs zu hören, die sie bereits in- und auswendig kennen. Und doch ist die Frage nicht unberechtigt. Die Antwort darauf ist vermutlich höchst persönlich. Ich denke nach.
„Asking "Why am I here?"
Answering "Why am I anywhere?"
Orbiting construct of Jung and Freud
Psycho dreaming asteroid ”
II. Gegenwart
Bad Krozingen, im Juni 2025
„This is 1968!“ ruft Ian Anderson ins Publikum, als er die Bühne betritt, um die Show mit „Some Day The Sun Won’t Shine For You“ zu eröffnen. Ich verstehe das als eine charmante Einladung, nostalgisch zurückzublicken. Doch ich mag ihr nicht folgen. Ich blicke woanders hin. Nicht zurück. Meine Augen ruhen auf der Bühne. Aber ich selbst blicke nach innen. Und was ich dort sehe erfüllt mich nicht mit Nostalgie – vielmehr spüre ich den Moment, das Hier und Jetzt.
Nostalgie ist eine merkwürdige Sache. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Heimweh“ oder auch „schmerzliche Sehnsucht nach Vergangenem“. Auf mich wirkt Nostalgie manchmal wie der Versuch, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu vergleichen. Ich empfinde das nicht als hilfreich. Im Gegenteil. Musik ist kein Konservierungsmittel. Musik – und speziell ein Konzert – kennt keine Vergangenheit. Ein Konzert existiert immer nur im Jetzt.
Nein, Ian… es ist nicht 1968, es ist 2025. Und genau das gibt dem Abend Bedeutung.
III. Zeit
Kloster Hirsau, Calw, im Juni 2025
Die Mauern des Klosters Hirsau stehen hier bereits seit fast 1.000 Jahren. Wenn man dem die 57 Jahre Bandgeschichte gegenüberstellt, wirkt sie allenfalls wie ein Wimpernschlag. Als die Band an diesem Abend „Thick As A Brick“ zu spielen anfängt, schweift mein Blick in das restlos ausverkaufte Auditorium das sich heute in dieser beeindruckenden Spielstätte eingefunden hat. Während Ian Anderson und seine wunderbare Band diesen Klassiker über das Erwachsenwerden mit großer Kraft vortragen, wird mir die Dimension dieses Ortes und des Songs erst richtig bewusst.
Der mächtige „Brick“ – für mich persönlich noch immer das Opus Magnum der kommerziellen Rockmusik. Ein wahres Gesamtkunstwerk. Anderson schrieb den ersten Teil dieses Werkes, als er 24 Jahre alt war. Als augenzwinkernde Parodie auf die Prog-Rock-Ausschweifungen dieser Zeit, und schuf dabei ungewollt die Mutter aller Prog-Epen. Und während er es damals aus der Perspektive eines jungen Mannes schrieb – bleibt seine Performance als fast 80-Jähriger absolut glaubhaft. Das Stück funktioniert heute anders als damals. Es ist die vergangene Zeit, die es anders schwingen lässt. Während die Worte und die Töne noch immer dieselben sind, sind wir es nicht mehr. Er. Ich. Und alle anderen. Wir alle sind älter. Wir alle haben uns verändert.
Ich blicke in die Gesichter meiner treuen Freunde, die heute mit mir hier sind. Rene und Walter. Ich kenne beide seit Jahrzehnten. Gemeinsam erlebten wir unzählige Konzerte. Sie lauschen der Musik. Geradezu andächtig. Voller Hingabe. Wie schon Jahrzehnte zuvor – und doch ist es jedes Mal anders. Mir fällt ein Satz ein, den ich einmal gelesen habe: „Kunst ist Veränderung“. Erst jetzt fange ich an, ihn zu verstehen. Denn Kunst verändert sich nicht, weil das Werk sich verändert, sondern weil wir es tun. Die Zeit gibt der Kunst den Resonanzraum. Mit jedem Jahr, jeder Erfahrung eines gelebten Lebens bringt sie neue Schwingungen hervor – Abend für Abend. In diesem Augenblick jedenfalls fühlt es sich sehr lebendig an.
Ich nehme einen Schluck Bier und mir wird bewusst, dass über die Jahrhunderte tausende von Menschen zwischen diesen Mauern umhergewandelt sind. Ihre Namen, ihre Schicksale sind längst vergessen. Mönche, Handwerker, Dirnen, Gelehrte. Ich freue mich, hier zu sein. Ich trinke auf das Leben.
Am nächsten Morgen traten wir alle die Heimreise in unser Alltagsleben an. Walter nach Süden, Rene nach Osten und ich nach Norden. Jeder für sich – jeder um einige Erinnerungen reicher (und mehrere hundert Euro ärmer).
IV. Welt
Brüssel, im September 2025
Vom beschaulichen Schwarzwald in das politische Herz Europas. Der Kontrast konnte kaum größer sein. Brüssel empfängt uns nicht mit der klösterlichen Ruhe von Hirsau, sondern mit der bunten Betriebsamkeit einer Metropole der Gegenwart. Einer Metropole der Macht. Wir stellen unsere Autos in einem Parkhaus am Rande der Stadt ab und fahren mit dem Zug in die europäische Hauptstadt. Im Zug herrscht babylonisches Sprachgewirr. Menschen aus aller Herren Länder – jeder auf dem Weg irgendwo hin. Politfunktionäre in teuren Anzügen, Arbeiter, dunkelhäutige Frauen in bunten, exotischen Gewändern und ihre Kinder – mittendrin sind Rene und ich. Im Zentrum Brüssels steigen wir aus. Das kleine, aber elegante Boutique-Hotel ist nur wenige Schritte vom Königlichen Circus entfernt. Auch das gläserne, kühl anmutende Gebäude der Europäischen Kommission befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft.
Wir beschließen ein wenig die Stadt zu erkunden. Wir sehen das belgische Parlament. Von dort gehen wir in den Warandepark, dem zentralen Stadtpark Brüssels. Auf der anderen Seite des Parkes, befinden sich etliche Botschaften. Die der USA erscheint im Vergleich zu den anderen wie eine Festung. Bullige Männer in Kevlarwesten stehen mit Maschinengewehren in den Händen davor. Die Flaggen der Botschaft wehen auf Halbmast. Mir fällt ein, dass heute der 11. September ist. Gestern wurde Charlie Kirk erschossen. Es sind merkwürdige Zeiten, in denen wir leben.
Es ist kein Zufall, dass mir hier „The Zealot Gene“ in den Sinn kommt. Ein Stück über das Dilemma unserer modernen Gesellschaft. Dieser Song über die unerbittliche Polarisierung, dem Verlust jeglicher Nuancen und dem durch die Algorithmen der sozialen Medien mehr und mehr befeuerten Hass, entfaltete an diesem Ort eine ganz besondere Kraft. Hier in Brüssel, wo die Kräfte des Zusammenhalts und die Kräfte der Spaltung sich in täglichem politischen Kampf gegenüberstehen.
Im Konzert selbst spüre ich das jedoch nicht. Für ein paar Stunden erscheint die Welt wieder ein wenig einfacher. Einiger. Friedlicher. Ich frage mich, ob diese Musik für mich heute vielleicht ganz generell eine andere Bedeutung als früher bekommen hat. Ist sie zu einer Konstante in einer sich stets und immer schneller verändernden Welt geworden? Möglich. An diesem Abend merke ich jedenfalls, dass sie für mich heute tatsächlich einen noch höheren Wert hat, als dies am Anfang der Fall war.
V. Freundschaft
Lüttich, im September 2025
Der Weg von Brüssel nach Lüttich ist nur kurz und doch liegen Welten zwischen diesen beiden belgischen Städten. Lüttich ist nicht sonderlich hübsch, nicht sonderlich elegant. Dennoch versprüht es seinen eigenen Charme. Ein bisschen rau, etwas unangepasst, aber entwaffnend echt und unprätentiös.
Nach der hochglanzpolierten Regierungsstadt mit ihrer intellektuellen Schwere ist es Zeit den Kopf freizubekommen. Zeit für Leichtigkeit. Die vielen jungen Menschen auf den Straßen Lüttichs versprühen Lebensfreude und die ganze Stadt strahlt eine schwer zu beschreibende Herzlichkeit aus. Das macht es auch uns leicht, einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Es ist noch früh – wir haben den ganzen Tag vor uns. Wir schlendern durch die Straßen. Ich kenne Rene seit fast 20 Jahren. Sah ihn quasi erwachsen werden. Und doch lerne ich erst heute, dass er eine Phobie gegen Tauben hat. Und davon gibt es in Lüttich reichlich. Ich habe meinen Spaß. Er auch, jedoch immer gewürzt mit einem Hauch von Panik – denn die gefiederten Gesellen folgen ihm überall hin. Selbst ins Restaurant. Es scheint fast so, als wüssten sie es. Wir müssen lachen. Wir essen „Moules et frites“, trinken belgisches Bier und plaudern. Stundenlang. Wir schlendern durch die Straßen, saugen diese ganz besondere, lebenslustige Atmosphäre dieser multikulturellen Stadt auf. Immer wieder stoppen wir – lassen uns nieder auf einen Drink und schlendern danach weiter. Mir wird bewusst, wie sehr ich Renes Gesellschaft genieße. Er möchte die „Montagne de Bueren“, mit 364 Stufen die zweithöchste Treppe Belgiens, erklimmen. Ich frage ihn, ob er noch alle Tassen im Schrank hat.
Dennoch gehe ich mit. Oben angekommen stellen wir fest, dass es dort keinen Pub gibt – doch immer noch Tauben. Es geschieht ihm recht. Wir gehen wieder runter – trinken noch eines dieser vorzüglichen Biere. Wir sitzen zusammen, wir blödeln herum und genießen den Tag. Inmitten der skurrilen Kulisse der Lütticher Altstadt wird mir klar, dass die „Curiosity Tour“ eben nicht nur eine Reise zur Musik ist, sondern vor allem eine Reise zueinander. Die Musik Jethro Tull’s ist der Klebstoff, der uns über Jahrzehnte zusammengehalten hat. Und auch wenn wir heute nur zu zweit sind, reden wir über die anderen. Jeffrey, Walter und heute auch speziell Dave, Martin und Frank – die wir eigentlich hier in Belgien treffen sollten, die es jedoch aufgrund widriger Umstände nicht bis hierhergeschafft haben. Wir erzählen uns die Geschichten trotzdem.
Die Band spielt wie ein präzises Uhrwerk. Das Konzert am Abend ist ebenfalls wieder superb. Ganz besonders berührt mich heute „Mother Goose“ – dieser wunderbar versponnene, kollagenartige Bilderbogen voller skurriler Charaktere bringt das Gefühl des Tages für mich auf den Punkt. Es tut gut zu wissen, dass eine verrückte Welt noch immer Platz hat für so schräge Vögel wie uns. Und für Tauben. Der arme Rene.
VI. Intermezzo
September 2025 – Juni 2026
René musste bereits früh den langen Heimweg in seine tschechische Heimat antreten. Sehr früh. Ich hatte es da ein wenig besser. Aber auch ich machte mich zeitig auf den Weg zurück nach Deutschland. In der Stereoanlage meines Wagens lief Curious Ruminant, während ich mit moderater Geschwindigkeit der Heimat entgegenfuhr. Kilometer um Kilometer ließ ich die vergangenen Wochen noch einmal Revue passieren. Vier Konzerte. Vier Städte. Vier ganz unterschiedliche Stimmungen.
Mit etwas Abstand wurde mir bewusst, wie außergewöhnlich konstant das Niveau dieser Tour bisher war. Vor allem aber, was sie nicht war. Sie war keine Nostalgieveranstaltung. Das Programm spannte zwar einen Bogen über beinahe sechs Jahrzehnte – von 1968 bis 2025 – enthielt aber zahlreiche Stücke der jüngsten Alben, sogar unveröffentlichtes Material, und natürlich die unvermeidlichen Klassiker. Überraschenderweise gehörten für mich ausgerechnet die beiden neuen Stücke zu den Höhepunkten des Abends. Der nachdenkliche Titeltrack Curious Ruminant und vor allem das epische, tief bewegende Over Jerusalem. Letzteres schien Ian Anderson mit einer besonderen Intensität vorzutragen. Fast so, als läge ihm dieses Stück besonders am Herzen.
Überhaupt Ian Anderson. Noch immer ist er der unumstrittene Mittelpunkt dieser Band. Natürlich bewegt sich ein fast Achtzigjähriger heute anders als der Mann, der einst auf einem Bein über die Bühnen dieser Welt sprang. Der zu fliegen imstande zu sein schien. Auch die Stimme erzählt inzwischen ihre eigene Geschichte. Doch auch das verleiht seiner Performance heute eine andere Qualität. Er versucht nicht, gegen die Zeit anzuspielen. Er nimmt sie mit auf die Bühne.
Auch die Band hat sich verändert. Sie ist heute weniger eine klassische Rockband als vielmehr ein außergewöhnlich präzises Ensemble. Die Musik wird mit großer Sorgfalt und beeindruckender Genauigkeit interpretiert. Weniger spontan, weniger ungestüm als früher – dafür differenzierter, transparenter und erstaunlich werkgetreu. Das mag man vermissen oder begrüßen. Ich persönlich empfinde es weder als besser noch als schlechter. Es ist schlicht eine andere Art, dieselbe Musik zu erzählen. Und vielleicht ist genau das der würdevollste Weg, ein Lebenswerk nach fast sechs Jahrzehnten weiterzutragen.
Ich lächle. Ich bin froh.
Nur wenige Tage später vergeht mir das Lächeln allerdings, als ich eines Nachts vom Rettungswagen unter Schmerzen ins Krankenhaus gefahren werde. Es gibt für alles ein erstes Mal…….
(8 Monate später)
VII. Suche und Erkenntnis
Thale, im Juni 2026
Ich hatte Glück und die Krankheit nach Aussage der Ärzte ohne bleibende Schäden überstanden. Eine kleine Routineoperation im November noch und ich war komplett wiederhergestellt. Natürlich nicht ohne die für Ärzte typischen Ratschläge. Alkohol und Zigaretten. Man kennt das. Ich halte mich daran. Wenigstens zum Teil. Meistens.
Mein tägliches Leben ist sehr geschäftig. Viel Druck. Viel Verantwortung. Ich freute mich sehr auf den Trip nach Ostdeutschland. Ich brauchte dringend eine Pause vom Alltag. Deshalb beschloss ich, bereits einen Tag früher nach Thale, ins sagenumwobene Bodetal zu reisen. Ich war noch nie dort gewesen. Die Landschaft, ihre Legenden und die Aussicht auf einen Tag ganz für mich allein schienen genau das Richtige zu sein, bevor René und Jeffrey, den ich lange nicht mehr gesehen hatte, dazustoßen würden.
Meine Hoffnung auf Ruhe und Privatsphäre sollte sich erfüllen. Aber sowas von.
Die Anfahrt dauerte rund fünf Stunden. Als ich ankam, regnete es. Das Berghotel auf dem Hexentanzplatz liegt überaus reizvoll, hoch über dem Bodetal. Schroffe Felsen, dichte Wälder und eine endlose Sicht. Rund um das Hotel allerdings empfängt den Besucher eine bunte Mischung aus Hexenfiguren, Teufelsstatuen und Souvenirgeschäften – irgendwo zwischen Sagenwelt und Freizeitpark. An diesem regnerischen Donnerstagnachmittag wirkte das alles jedoch nahezu verlassen.
Ich checkte ein.
Die freundliche Rezeptionistin blickte kurz auf ihren Bildschirm und sagte:
„Sie sind der Hausgast.“
Ich verstand zunächst nicht, was sie meinte.
„Der Hausgast?“
Sie lächelte.
„Nun … Sie sind heute Nacht unser einziger Gast.“
Sie händigte mir meinen Zimmerschlüssel aus und fragte, ob ich noch etwas essen wolle.
Wenige Minuten später saß ich allein im Restaurant. Der Blick aus dem Fenster war spektakulär. Schroffe Felsen. Tiefe Täler. Endlose Weite.
Ich bestellte Rinderrouladen mit Klößen. Und ein großes Bier.
Für einen kurzen Moment meldete sich die Stimme meines Arztes in meinem Hinterkopf. Der Kellner hörte sie zum Glück nicht.
Das Essen war ausgezeichnet.
Als ich bezahlt hatte, fragte mich der Kellner, ob ich für die Nacht noch etwas benötigte. Ich verneinte.
Ein paar Augenblicke später war ich allein.
Allein in einem Berghotel. An jenem Ort, von dem die Menschen einst glaubten, dass hier des Nachts die Hexen mit dem Teufel tanzten.
Ich musste unwillkürlich an Jack Torrance denken.
Ich zog mir meine Lederjacke an und ging nach draußen. Es hatte etwas Surreales, mich in diesem disneyesquen Szenario völlig allein zu bewegen. Ich betrachtete die skurrilen Statuen, die verschlossenen Souvenirgeschäfte. Wenig entfernt befinden sich massive Parkplätze. Morgen werden sie rappelvoll sein. Heute sind sie vollkommen leer. Und so unheimlich das auch klingen mag – ich fühlte mich selten so wohl.
Ich beschloss mir das Bergtheater – den Schauplatz für das morgige Konzert anzuschauen. Der Weg führt durch einen Wald. Gesäumt von hölzernen Hexen- und Teufelsstatuen. Für meinen Geschmack ein wenig zu viel der Mythologie – der Ort an sich versprüht auch ohne künstlich-kitschige Abbilder einen geheimnisvollen Mythos.
Als ich am Bergtheater ankam, musste ich tatsächlich durchatmen. Nicht weil mich der kurze Fußmarsch physisch belastet hätte (immerhin hatte ich die belgischen Treppen auch noch mit Würde geschafft), sondern ob seiner natürlichen Schönheit.
Hoch über der kleinen Stadt Thale überblickt man das gesamte Tal. Ich schaue mich um. Unten, am Fuß des beeindruckenden Amphitheaters, höre ich Stimmen. Die Bühne für das morgige Konzert wird aufgebaut. Ich begebe mich zum Bühneneingang und frage eine freundliche, junge Frau der Bühnencrew, ob ich das Theater betreten dürfe, um ein Foto zu machen. Sie lächelt und gestattet es mir.
Ich betrete das Bergtheater hinter der noch nicht fertigen Bühne und gehe die steile Treppe zu den Rängen hinauf. Unten auf der Bühne herrscht ruhiges, dennoch geschäftiges Treiben. Man hört ruhige Stimmen und metallisches Klingen. Konzentriert und ruhig arbeiten diese Menschen. Junge Männer und Frauen. Jeder weiß, was er zu tun hat. Jeder Handgriff scheint zu sitzen.
Für einen kurzen Moment schweifen meine Gedanken zu meinem eigenen Berufsalltag. Ich schiebe sie beiseite. Sie gehören nicht hierher.
Es fängt wieder an zu regnen. Es ist mir egal. Für ein paar Augenblicke lasse ich mich mitten auf den Rängen nieder und blicke über das Tal. Der kühle Regen fühlt sich gut an auf meinem Gesicht. Auf meiner Brille nicht so sehr. „Wicked Windows“ kommt mir in den Sinn. „I review my past, through wicked windows, framed in silver”. Schwarzer Kunststoff in meinem Fall.
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Am nächsten Morgen präsentiert sich der Hexentanzplatz völlig anders. Die Sonne strahlt am Himmel. Und Gondel für Gondel befördert die Seilbahn neue Touristen an den Hexentanzplatz. Familien mit Kindern, Rentnergruppen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die ersten Gäste mit Jethro Tull T-Shirts aus der Seilbahn steigen oder vom Parkplatz in die nun geöffneten Biergärten strömen. Ich gehe auf den vielen Wanderwegen rund um den Platz spazieren und genieße den Vormittag. Rene schreibt mir eine Textnachricht. Er hat die deutsche Grenze passiert und wird in wenigen Stunden hier sein. Ich freue mich darauf ihn wiederzusehen.
Ich setze mich in einen der Biergärten, direkt am Steinkreis mit den Hexenfiguren. Zwischen den Souvenirgeschäften und den Touristen laufen dämonische Gestalten in Fellgewändern und grotesken Masken umher. Ich muss schmunzeln. Bei manchen Gestalten ist es nicht ganz eindeutig, ob sie Konzertgäste sind oder dem touristischen Unterhaltungsprogramm dienen. Es ist schön hier zu sein.
Rene trifft ein. Ich sehe ihn, wie er mit seinem Rollkoffer ins Hotel geht. Er sieht mich nicht. Sekunden später klingelt mein Telefon. „Ich bin da!“, sagt Rene. „Ich weiß“, antworte ich. Wenig später sitzen wir gemeinsam in der Sonne und trinken ein Bier.
Rene ist ein wenig unruhig. Er möchte wissen, wo die Arena ist. Ich erzähle ihm von gestern. Er möchte sie sehen. War ich in seinem Alter auch noch so? Ich glaube ja. Also gehen wir – zumindest in die Richtung. Denn als wir an der Seilbahnstation ankommen, sehe ich, wie eine der Gondeln ein vertrautes Gesicht ausspuckt. Es ist mein alter Freund Jeffrey.
„Jeffrey!“, rufe ich und unsere Blicke treffen sich sofort. Es ist eine Weile her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Doch als wir uns in die Arme schließen, ist die Zeit dazwischen sofort weggewischt. So wie es immer schon war. Jeffrey hat dieses unerschütterliche, schelmische Grinsen im Gesicht, das er schon vor dreißig Jahren hatte. Damals, als unsere Reisen noch weniger von malerischen Klöstern, sondern eher von billigen Hotelzimmern, verrauchten Kneipen und chronischem Schlafmangel geprägt waren.
Rene muss auf das Bergtheater warten. Die Ankunft meines alten Weggefährten gebietet die Rückkehr in den Biergarten. Wir sitzen in der Sonne, drei kalte Bier vor uns. Wenn man uns so beobachtet, könnte man meinen, wir seien vernünftig geworden. So halbwegs. Wir reden über unsere Familien, unsere Jobs – ja sogar über unsere Gärten und darüber welche Ratschläge uns die Ärzte zuletzt gegeben haben. Wir trinken in moderatem Tempo. Es ist alles spürbar ruhiger, gesetzter – ja vielleicht sogar zivilisierter geworden.
Und doch sitzt ein unsichtbarer vierter Gast mit an diesem Tisch: Das Echo unserer gemeinsamen Vergangenheit. Es schwingt in jedem Lachen mit. Es blitzt auf, wenn wir uns von der durchzechten Nacht in Hanau erzählen, oder der völlig aus dem Ruder gelaufenen Reise nach Canterbury – die statt in Großbritannien in einem Etablissement im eingeschneiten Sauerland endete. Geschichten mit Walter, Dave, Frank, Martin und all den anderen. Manche sind schon nicht mehr unter uns. Es sind Geschichten über Wildheit und Exzesse.
Heute jagen wir diesen Exzessen nicht mehr nach. Wir brauchen sie nicht mehr, um uns lebendig zu fühlen. Aber das Wissen darum, das wir diese ausschweifenden Nächte gemeinsam erlebt haben, bildet das Fundament, auf dem wir heute hier auf diesem Berg im Harz sitzen. Wir sind vielleicht zahmer geworden. Aber trotzdem sind wir heute hier. Wir stoßen auf uns an. Im Klang der Gläser schwingt der Nachhall jahrzehntelanger Rock’n’Roll-Freundschaft.
Vor dem Konzert treffen wir noch einige alte Bekannte. Einer von ihnen begleitet mich bereits seit meinen Beggar’s Farm News Tagen. Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen. Als ich ihn dort sitzen sehe, erschrecke ich beinah. Er wirkt viel älter als ich ihn in Erinnerung habe. Er erzählt mir offen, dass die letzten Jahre nicht leicht gewesen sind. Doch während wir über Reisen, Konzerte, Kinder und Ehefrauen sprechen, bricht immer wieder dieses vertraute Lachen aus ihm heraus. Erst zaghaft, dann immer öfter und herzlicher. Es ist dasselbe Lachen wie vor zwanzig Jahren. Für einen Augenblick ist die Zeit verschwunden.
Auch auf der Bühne wartet an diesem Abend eine Überraschung. Jack Clark fehlt, weil er in England bei der Geburt seines ersten Kindes ist. Offenbar haben selbst internationale Rockmusiker einen Anspruch auf Elternzeit. Stattdessen spielt Florian Opahle die Gitarre. Als sich unsere Blicke treffen, winkt er herüber. Es ist schön zu sehen, dass Ian Anderson auch heute noch auf Florian zählen kann.
Später am Abend beginnt die Band ein Stück, welches hier, an diesem außergewöhnlichen Ort, eine fast magische Kraft entfaltet. Als die ersten Akkorde durch das Amphitheater hallen, blicke ich links und rechts in die Gesichter meiner Freunde. Und Ian singt diese Zeile, die mir tief unter die Haut geht: „Life's long celebration‘s here, I’ll toast you all in penny cheer“. Alles fällt in diesem Augenblick an seinen Platz. Ich bin mit mir im Reinen.
VIII. Coda
Zwickau, im Juni 2026
Zwickau empfängt uns bei strahlendem Sonnenschein. Wir checken im Hotel ein. Versuchen es zunächst. Es ist ein Self-Check-In und ich habe natürlich keine der erklärenden e-mails gelesen. Ich rufe die Nummer an der Tür an und lasse es mir von der Dame am anderen Ende noch einmal erklären.
Wir sind völlig entspannt. Wir gehen essen und plaudern über Boxsets. Der Kellner bringt zwei Schnäpse mit der Rechnung.
Rene möchte zum Venue. Ein klassisches ostdeutsches Freilufttheater. Idyllisch gelegen an einem See. Wir fühlen uns leicht. Unbeschwert. Jeffrey stößt zu uns. Wir hören die Band beim Soundcheck. Sie spielen „Mother Goose“ und „Curious Ruminant“. Wir sitzen im Biergarten und freuen uns. Auf das Konzert – und darüber das wir hier sind.
Wenige Stunden später tun wir alle das, was wir schon immer taten. Wir stehen vor der Bühne. Anderson und die Band darauf. “No way to slow down!“.
Seit Jahrzehnten fahren wir nun schon in diesem Zug. Haben uns in ihm kennengelernt. Es ist eine schöne Reise. Wir freuen uns auf die Stationen, die da noch kommen mögen.
Jede Reise beginnt mit einer Illusion. Enden wird sie mit Gewissheit. Aber noch nicht jetzt…….