Sieben auf einen Streich
Ein Jethro Tull Veröffentlichungsmärchen !?

von Sven Harms

Es war einmal ein tapferes Fanlein. Das war ganz versessen in eine Gruppe gestandener "älterer" englischer Spielmänner, die sich nach einem noch älteren Erfinder und Gelegenheitsschriftsteller benannt hatten. Seit ein paar Jahren jedoch machten diese Spielleute unserem Fanlein nicht mehr so richtig Freude. Gut, sie zogen kreuz und quer durchs Land und spielten an Orten im Reich, von denen kaum ein Mensch vorher gehört hatte, aber neue Songs wollten und wollten sie einfach nicht schreiben. Das machte unser Fanlein traurig, hatte es doch so tapfer jeden überzähligen Taler zur Seite gelegt und sehnsüchtig auf den Tag gewartet, an dem er mit glänzenden Augen endlich etwas Neues in Händen halten konnte. Und sein Wehklagen und Gejammer wurden immer lauter...
Dies hörten in einer fernen Stadt die eiligen drei Könige E, M und I (OK, das ist ja eigentlich eine andere Geschichte, aber schließlich ist bald Weihnachten...). Eilig, wie es ihnen ihr Name gebot, steckten sie ihre Köpfe zusammen und beschlossen: Dem armen Fanlein kann geholfen werden! Die überzähligen Taler sollten nicht länger ungenutzt in irgendeinem Beutel herumschimmeln, sondern lieber das Säckel ihres "Königreiches" füllen. Und da sich der "Ober"-Spielmann immer noch weigerte, neue Melodien zu komponieren, gaben E, M und I ihrem Hofstaat den Auftrag "olle" Kamellen neu zusammenzustellen und dem wartenden Volke darzubieten. Aber zu viel kosten dürfe das Feilbieten nicht. Der fleißige Hofstaat tat wie ihm befohlen: Da paßte es, daß einige der bekanntesten Oden der Spielmänner genau vor einem Vierteljahrhundert erstmalig an das Ohr unseres Fanlein gedrungen waren und das Königreich der eiligen drei Könige zudem seit 100 Jahren bestand.
Und so kam es, daß unser tapferes Fanlein plötzlich schier erschlagen wurde von der Fülle neuer "alter" Melodien, die bald darauf überall im Land - naja fast überall im Land, OK in einigen Gegenden auch gar nicht - dargeboten wurden. Sie hießen "A Collection" (von einem befreundeten Königreich namens "Disky" auf den Markt gepfeffert) und "Through The Years" (beides weniger "Best Of" sondern eher "The Rest Of"-Alben), "The Originals" (die drei ersten Werke der Spielmänner "This Was", "Benefit" und "Stand Up" in einer kleinen Box) und "Thick As A Brick" (ergänzt um eine Live-Version des Stückes und "ausgewählter Worte" des "Ober"-Spielmanns sowie eines treu ergebenen und eines weniger treu ergebenen Weggefährten). Oh, das Herz unseres Fanlein hüpfte vor Freude. Endlich konnte er seine mühsam gesparten Taler loswerden.
Die wundersame Kunde von Talern, die anscheinend gerne von einem Ort zum anderen wandern wollten, erreichte auch zwei kleine Fürstentümer in einem ziemlich fernen Land. Was E, M und I können, dachten sich die Häuptlinge dieser Kleinstaaten, daß können wir schon lange. Gesagt, getan: Sie nahmen sich ebenfalls alte Aufnahmen vor, entfernten den Staub der (Viertel-) Jahrhunderte und beschichteten die so geschaffenen neuen Werke mit einer dünnen Goldschicht: "Aqualung" und "Living In The Past", so ließen sie unser tapferes Fanlein wissen, seien jetzt noch schöner, noch besser noch klarer.
Und wieder wanderten die inzwischen schon nicht mehr so reichlichen Taler aus einem Säckel ins nächste.
Doch damit nicht genug: Gerade als unser Fanlein meinte, sich endlich mit seinen "6 Richtigen" in sein stilles Kämmerlein zurückziehen zu können, erinnerte sich wieder ein anderes Königreich daran, daß vor langen Jahren der "Ober"-Spielmann dereinst eine Solo-Ode "An das Licht" geschrieben und publiziert hatte. Sie sagten :"Was den anderen Recht ist, soll uns nur billig sein"! Und so kam es also nun, daß "Walk Into Light" zum zweiten Male unserem Fanlein zum Kaufe angeboten wurde. Und dem war inzwischen eh' schon alles egal. Er kratzte die Taler aus Ecken hervor, wo eigentlich schon keine mehr sein konnten.
Und als er so eines Abends seine Neuerwerbungen um sich geschart hatte, durchfuhr es ihn wie ein Blitz. Er griff sich seine, seit Jahren den Spielmänner aus dem fernen England gewidmete Jacke und schrieb, flink und beherzt in großen Lettern auf die Rückseite: "Tull '97 - Sieben auf einen Streich!".
Sein Stolz kannte keine Grenzen, als er durch die Straßen der Stadt zog. Die Bürger wichen in Ehrfurcht (zumindest hielt er es für Ehrfurcht) zurück und tuschelten hinter vorgehaltener Hand ob dieser dort zu lesenden Leistung.
Doch sein Glück währte nicht lang und eines Tages passierte es. Unserem tapferen Fanlein stellte sich ein Mann in den Weg. Mit breitem, höhnischem Grinsen wies er auf den Spruch: "Nur Sieben?", lachte er unser Fanlein aus, " und was ist mit der "Aqualung"-Remastered LP, der "Stand Up"-Remastered-LP, der "Thick As A Brick" -Remastered LP, dem Album von John Carter und Martin Barre, der Vikki Clayton CD auf der Martin Barre mitspielt..." und sein feistes, schadenfrohes Lachen hallte noch lange durch die Straßen der Stadt unseres tapferen Fanleins.
Und die Moral von der Geschichte: Wenn der "Ober"-Spielmann nicht bald "in die Puschen" kommt, droht uns 1998 anläßlich des 30 jährigen Bestehens seiner Truppe wohl noch einiges an neuem "alten" Zeug. Die ersten Gerüchte besagen jedenfalls, daß in nicht allzu ferner Zeit........