Eine kurze Kritik von Marco Laufenberg
(aus Beggar's Farm Heft 24)  Marketing, Charts- und PresseInfos

Zuallererst: ja, dies ist die Platte, auf die Jethro Tull Fans 25 Jahre lang gewartet haben! Lange Jahre gab es immer wieder Anspielungen auf ein akkustisches und persönliches Solo Album von Ian Anderson, aber aus verschiedenen Gründen wurde das niemals realisiert ... laßt uns jedoch von Anfang an beginnen:

1983 veröffentlichte Ian Anderson sein erstes Solo Album 'Walk Into Light', sicherlich eine nette Scheibe, aber nicht wirklich das, was die Fans erwarteten (siehe oben). Das Album wurde zusammen mit Keyboarder Peter-John Vetesse geschrieben, eingespielt und produziert. Zwar einige recht feine Songs, aber halt doch alles ziemlich elektronisch ...

1995 veröffentlichte Ian das nächste Solo Album, wiederum eine Zusammenarbeit zwischen ihm und 'seinem' aktuellen Keyboarder, diesmal Andy Giddings (da es sich um eine seriöse Scheibe handelt, wurde aus Andy flugs Andrew), der seit 1992 bei Jethro Tull spielt. 'Divinities: 12 Dances With God', ein Instrumental Album, wurde für Flöte und Orchester geschrieben und komplett live aufgeführt. Selbst wenn der kommerzielle Erfolg relativ gering ausfiel, wurde die Platte von Fans und Kritikern gleichermaßen gut angenommen. Aber auch dies war immernoch nicht das Album, was man als Solowerk von Ian Anderson wirklich erwartete.

Circa 1997 begann Ian an der Arbeit am dritten Solo Album und diesmal versprach er, daß es sich um eine akkustische Platte handeln würde, auf die die Fans schließlich seit den Siebziger Jahren gewartet hatten. Die Veröffentlichung war für das Frühjahr 1998 vorgesehen, wurde aber aus verschiedensten Gründen auf die zweite Jahreshälfte verschoben. Im April 1998 gab es auf der deutschen Jethro Tull Convention die Weltpremiere des ersten SLOB songs: 'Boris Dancing', ein wunderschönes Instrumentalstück mit herrlich verschrobenem Takt.
Im Herbst 1998 nahm Ian Anderson in seinem Heimstudio eine zehnminütige Radioshow für eine Radiostation in Uruguay auf. Der Sender hatte seinen 50. Geburtstag im August gebührend gefeiert und dies war sein dank dafür! Als Bonus gab es exklusiv zwei Songs aus dem nunmehr für November angekündigten 'The Secret language Of Birds' Album: 'The Water Carrier' und 'Set-Aside'.  Unglücklicherweise wurde der Veröffentlichungstermin wiederum verschoben, diesmal mangels eines aktuellen Plattenvertrags.

Anfang 1999 wurde schließlich die Veröffenlichung eines neuen Jethro Tull Albums, 'Dot Com' für den Sommer angekündigt, weshalb die Veröffentlichung des Solo Albums erstmal auf Eis gelegt wurde - aus Marketinggründen, denn 1995 zeigte sich, daß Promotion und damit die Plattenverkäufe schlechter laufen, wenn innerhalb kurzer Zeit zwei Anderson/Jethro Tull Platten veröffentlicht werden. Wenigstens hatte 'Dot Com' mit dem Titelstück von 'The Secret Language Of Birds'  als Hidden Track einen Teaser auf das, was da kommen würde ...

Endlich, im Frühjahr 2000, also locker 2 Jahre nach den Aufnahmen erscheint nun Ian Andersons drittes Solo Album und - ich will Euch nicht länger auf die Folter spannen, hier ist meine kleine Song für Song Kritik:

The Secret Language Of Birds (4:17)
Ich denke, die meisten von Euch sollten dieses Meisterwerk bereits kennen. Wenn nicht: einfach 'Dot Com' mal ganz bis zum Schluß durchlaufen lassen ... Glaubt mir, dies ist noch lange nicht der Höhepunkt des Albums!
The Little Flower Girl (3:37)
Der Song über das kleine Blumenmädchen wird von einem sehr schönen Flötenriff eröffnet. Hauptsächlich Mandoline und Bass bilden das Gerüst für die Strophen, bevor Streicher besonders den Refrain effektvoll untermalen.
Montserrat (3:21)
Zum ersten Mal wird die Bedeutung des 'german instrument from hell', dem Akkordeon für SLOB deutlich, denn es bildet den Teppeich für 'Montserrat'. Es scheint, als hätten Ian und Andy dieses Instrument wirklich lieben gelernt! Unter die Haut geht Ians Sprechgesang im Refrain. Einzig die Tatsache, daß die Tonlage recht hoch ist, läßt mich ein wenig zweifeln, ob man diesen Song live bringen kann, aber dazu später mehr.
Postcard Day (5:07)
Der 'Sommerhit' des Albums! 'Postcard Day' ist eine Metapher, die einen wunderschönen Tag, eben einen 'Postkartentag' beschreibt und genauso klingt dieser Song auch. Der Halftempo-Rhythmus wird von Mandoline und Bongos vorgegeben und Refrain und Fötenriff bleiben einfach im Ohr hängen, das ist ein Song für den Strand!
The Water Carrier (2:56)
Der erste Song der Radioshow aus Uruguay. Mein erster Eindruck war damals: seltsam, aber klasse! Daran hat sich nicht viel geändert. Wie viele der Songs hat auch dieser marokanische Einflüße und großartige Percussions. Wiederum eine Menge Akkordeon.
Set-Aside (1:29)
Der zweite Song aus der Radioshow und auch der kürzeste der Platte. Ein 'Shortie' und allein deshalb irgendwie in der Tradition der guten alten Jethro Tull Akkustikstücke. Ich möchte den Song von Anfang an und daran hat sich nichts geändert, das wird ein Klassiker!
A Better Moon (3:46)
Ein wenig mystisch und östlich kommt der 'bessere Mond' herüber. Eine der wenigen Stellen auf der Platte, wo einige Sounds -sparsam- aus dem Synthezizer kommen. Ein sehr atmospärisches Stück.
Sanctuary (4:42)
Dieser Song könnte auch von Fairport Convention sein, nicht nur wegen der fantastischen Geige und den wundervollen Gitarrenläufen. Ein Song, bei dem es ein mehr oder weniger 'komplettes' Schlagzeug' gibt, wenn auch dezent. Im übrigen hätte Ian Anderson gerne Ric Sanders für SLOB verplichtet, der hatte aber leider keine Zeit. Mehr dazu in meinem Interview mit Ian im nächsten Heft! 'Sanctuary' ist einer der Songs, die Ians heutige Tonlage wirklich treffen. Bei einigen Songs muß ich ehrlich zugeben, daß ich Angst habe, sie einmal live zu hören. Die Stimme klingt zwar ausnahmslos fantastisch, aber mit Verlaub, man muß leider bezweifeln, daß das live ohne Probleme reproduzierbar ist.
The Jasmine Corridor (3:54)
Wieder ein 'Akkordeon-Stück', bei dem außerdem noch die Gitarre dominiert. Tolle Gesangslinie und alles in allem ein sehr melancholischer Sound.
The Habanero Reel (4:01)
Von 'Jigs'n'Reels' (was auch immer das wirklich ist ..) hatte man im Vorfeld viel gesprochen und das trifft wohl vor allem 'The Habanero Reel'. Wieder eine Art Sprechgesang, viel Akkordeon und auch eine Tin Whistle.
Panama Freighter (3:21)
Ein durchaus 'vollinstrumentierter' Song, der durchaus noch auf 'Dot Com' gepaßt hätte (hinter 'A Gift Of Roses') Überhaupt stellt sich die Frage, wie ausgewählt wurde, welche Songs auf SLOB und welche auf 'Dot Com' landen, zumindest was bei 'Dot Com' die ruhigeren betrifft. Klasse das Flötensolo!
The Secret Language Of Birds, Pt. II (3:06)
Ja, vom Titelstück gibt es noch einen zweiten Teil, aber durchaus keine 'Reprise', sondern wirklich eine neuer Song und ein Ohrwurm! Folk-Rock vom feinsten.
Boris Dancing (3:07)
Dieser Song ist den meisten von Euch vermutlich bekannt, das Arrangement auf dem Album ist nicht sonderlich anders als die Live Version. Eines von zwei Instrumentalstücken, recht vertrackter Rhythmus und ein feines Flötenriff, aber wem erzähl ich das?
Circular Breathing (3:45)
Wieder ein ein sehr atmosphärischer Song mit netten Gitarrenparts und einer sparsamen Instrumentierung. Überhaupt habe ich das Gefühl, daß es sich bei SLOB um eine sehr gefühlsbetontes Album handelt, bei der die Musik mehr denn je Bilder ausdrückt. Ein 'album for the girls', wie Ian sagt. Der Gesang ist sehr melodisch und der Flötenpart nach der zweiten Strophe einfach bezaubernd!
The Stormont Shuffle (3:20)
Das zweite Instrumentalstück von SLOB und gleichzeitig der krönende Abschluß, wenn auch nach knapp 54 Minuten viel zu früh! Rhythmisch geht 'The Stormont Shuffle' in Richtung 'Boris Dancing', ist also sehr folky und -wie der Titel schon sagt- es shuffled ganz ordentlich. Akkordeon und Querflöte spielen harmonisch abwechselnd in kleinen Parts 'gegeneinander'.

Keine Ahnung, wie ich dieses Album musikalisch einordnen soll, es ist sehr 'folky', hat aber auch einiges an orientalischen Einflüßen. Außer einigen wenigen Synthie-Sounds ist es ein komplett akkustisches Album, also endlich das, was ein Ian Anderson Solo Album sein sollte. Meiner Meinung nach ist SLOB ohne Zweifel ein Meisterwerk und ich bin mir sicher, das werden die meisten von Euch ähnlich sehen!

'The Secret Language Of Birds' wird am 6. März weltweit auf Papilion/Roadrunner/Fuel 2000 veröffenlicht, zumindest die US Version wird zwei 'hidden tracks' aus den '2 Meter Sessies' des holländischen RTL 5 haben und eine Tournee wird es defintiv nicht geben, was wirklich schade ist!

Deswegen, großer Meister, hier mein Vorschlag: schnapp Dir Ric Sanders, Chris Leslie, Andy Giddings, Dave Pegg und Gerry Conway und mach Dich am zweiten Wochenende im August auf den Weg nach Cropredy, die Leute werden Dir zu Füßen liegen!