Seit Ende seines Jethro Tull Engagements im Jahr 2006 ist Jonathan Noyce ein fester Bestandteil des Londoner Musikerkollektivs Archive. Und darüber bin ich überhaus glücklich, denn ohne Jon’s Beteiligung hätte ich mich wahrscheinlich nie mit dieser großartigen Platte auseinandergesetzt.
Denn mit ihrem sechsten Studioalbum „Controlling Crowds“ legen Archive das wohl ambitionierteste Werk ihrer 15-jährigen Karriere vor.
Angelegt als klassisches Konzeptalbum in 3 Teilen liefern die 13 Musiker (teilweise mit orchestraler Unterstützung) eine avantgardistische Suite über Liebe, Hass, Krieg und Macht ab.
Musikalisch ist das Werk nur sehr schwer einzuordnen. So finden sich auf „Controlling Crowds“ Elemente aus Trip Hop, Alternative, Rock, Rap, Electronica und Progressive, die sich zu einem ganz eigenständigen und faszinierenden Sound verbinden. Die Stücke sind klar strukturiert und sehr episch angelegt. Geschickt werden hier kühle Keyboardarrangements mit großartigen Orchesterpassagen kombiniert und fast alle Songs entwickeln sich während der Spieldauer in oft ungewohnte Richtungen. Und Noyce tut auf diesem Album das, was er schon immer am besten konnte. Sein Bassspiel (sowohl auf der elektrischen Bassgitarre, wie auch auf dem elektronischen Moog Synthesizer) verleihen dieser teilweise hypnotischen und verstörenden Musik echte Tiefe.
Ein weiterer Pluspunkt von „Controlling Crowds“ ist definitiv die Produktion. So sind Archive offensichtlich Meister der Dynamik, die geschickt den Effekt zwischen leisen und spärlich arrangierten Passagen und dramatischen, lauten Soundwällen nutzen. Großartig – und bei modernen Produktionen heutzutage leider eher ungewöhnlich.
Das ganze Album verbreitet eine eher düstere Stimmung, die jedoch immer wieder hoffnungsvolle Momente hervorbringt, die durch wunderbar sphärische Harmonien erzeugt werden. Diese Platte genießt man am Besten an einem Stück über Kopfhörer in einem dunklen Raum. Denn erst dann kommt die Größe dieses Werkes richtig zur Geltung. Erst dann entdeckt man die tollen Backgroundvocals und die vertrackten Melodien im Hintergrund des Geschehens. Sämtliche Tracks schlagen geschickte Spannungsbögen und entwickeln sich teilweise überraschend – ohne dabei jemals unlogische, stilistische Sprünge zu unternehmen. Großes Kino!
Natürlich gibt es auf diesem Album auch einige Schwachstellen. So wird speziell im dritten Teil dieses Epos die Geduld des Hörers manches Mal auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Doch die Geduld wird stets belohnt. Denn immer wenn „Controlling Crowds“ in Langeweile abzudriften droht, passiert wieder irgendetwas faszinierendes. So werden auf einmal simple Keyboardfiguren plötzlich in ein großartiges Orchesterarrangement aufgenommen und zu ungeahnter Größe geführt. „Controlling Crowds“ ist ein leuchtendes Beispiel für moderne, progressive Rockmusik für Erwachsene im 21. Jahrhundert. Ein großartiges Album für jeden der noch die Geduld hat komplexe Musik für sich zu entdecken und modernen Sounds gegenüber aufgeschlossen geblieben ist. Auch auf die Gefahr hin, dass es abgedroschen klingen mag sage ich es hier gerne: „Controlling Crowds“ ist das Meisterwerk einer modernen, reifen und künstlerisch ehrgeizigen Band.
Das Projekt „Controlling Crowds“ mit seiner komplexen Thematik ist sicherlich sehr ambitioniert. Aber Archive sind hier ihren eigenen, ehrgeizigen Ansprüchen definitiv gerecht geworden. Und auch meine Erwartungen an sensible, moderne und wahrlich progressive Musik sind hier mehr als erfüllt worden. Ab Oktober gibt es Archive auch live auf deutschen Bühnen zu sehen:
Di. 13.10.2009 Aschaffenburg Colos-Saal 20:00 Uhr
Mi. 14.10.2009 Dresden Alter Schlachthof 20:30 Uhr
So. 18.10.2009 Hamburg Uebel & Gefährlich 21:00 Uhr
Mo. 19.10.2009 Berlin Postbahnhof 21:00 Uhr
Di. 20.10.2009 München Backstagehalle 20:30 Uhr
Fr. 23.10.2009 Köln Gloria 20:00 Uhr
Und hier gibt es noch das verstörende Video zur ersten Singleauskoppelung Bullets zu sehen! Enjoy!