Moth hat geschrieben:Sind Tull-Fans politisch eher links einzuordnen ? Der Dr. A. soll doch ein ganz konservativer sein, oder ?
Ach ja, die olle Kamelle. Dazu gibt es eine Menge zu sagen.
Zunächst einmal ist unser aller Dr.h.c. Ian Anderson ein gnadenloser Individualist; das hat er mit dem einen oder anderen auf diesem Forum gemein. Individualisten nehmen sich gerne, was sie möchten, egal aus welcher Ecke es kommt und geben einen noch dampfenden Schiss darauf, ob es oportun oder gar, Göttin bewahre, politisch korrekt ist (mein ehemaliger Deutschlehrer - auch Mime genannt - hat meinem Tutor mal einen Brief geschrieben, in dem er mich des "unerträglichen Individualismus" bezichtigte. Mein Tutor hat das Papier nach einmaligem Lesen der Rundablage anvertraut).
So hat Doc Anderson in seiner bewegten Vergangenheit immer gerne, wenn möglich in einem Satz, linke, gar kommunistische Bilder beschworen und gleichzeitig eine kapitalistische Arbeitgeberposition bezogen (etwa im Zusammenhang mit seiner Fischfarm und der Beziehung zu den Arbeitern und den Crofters auf seinem Landbesitz). Ohne Frage hat er damit so manchen Musikjournalisten überfordert. Meiner Meinung nach mit voller Absicht.
Dass Musikjournalisten in der Regel einen eher beschränkten Horizont besitzen, zeigt auch die folgende Anekdote - und ich meine nicht die Kritiken zu A Passion Play.
Anfang der 80er - zu Bratzwatz-Zeiten - gab der Herr Doktor dem STERN ein Interview und wurde auch zur Symbolik des Breitschwertes befragt. Er antwortete sinngemäß, dass er, sollte es hart auf hart kommen, seine Familie auch mit einer Waffe, nicht unbedingt einem Breitschwert sondern eher einer Browning, verteidigen würde. Im Kontext des STERN machte ihn das zu einem Bundesgenossen von Charlton Heston.
Strafverschärfend kam hinzu, dass er nach dem Erwerb des Gutes auf Skye eine Nähe zur Scotish Nationalist Party bekundet hatte. Schon waren die Musikgazetten voll vom Nazi mit der Flöte. Das wurde zwar nie offen geschrieben, aber die wenigen Artikel über Tull ließen sich fast alle darüber aus. Und zwar wenig differenziert. Ein paar Jahre später besuchte ich in meiner Heimatstadt ein Konzert der Rubbermaids, eine niedliche Kombo aus der Hamburger Szene, die lustig verpunkte Rockmusik produzierte. Auf diesem Konzert in einer kleinen Kneipe gleich neben der Englischen Kirche trug ich meinen grünen Balmoral, auf den ich das Crest of a Knave gesteckt hatte. Mir wurde daraufhin von einem "Linken" Prügel angedroht, nachdem er mich als Nazi verunglimpft hatte.
Die Scotish Nationalist Party ist übrigens eine eher linke Partei - wie fast alle separatistischen Parteien Europas.
Leider, leider haben sich im Zuge dieses Missverständnisses auch immer wieder Anhänger der rechten Szene als Tull-Fans geoutet. So habe ich es vor einigen Jahren einmal auf mich genommen, mir die Ergüsse eines amerikanischen Neonazis anzuhören, der mir, als er erfuhr, dass ich Tullfan bin, stolz erzählte, dass der "Führer" der amerikanischen Neonazis (der damals gerade in einem dänischen Knast schmorte) ebenfalls "glühender Anhänger" von Tull sei. Mir ist heute noch nicht eindeutig klar, wie ich es geschafft habe, mein gerade eingenommenes Abendessen bei mir zu behalten.
Im Übrigen sprechen meines Erachtens die Texte des Doktors für sich. Er hat schon immer gerne die zwei Seiten der gleichen Medaille beleuchtet. Spontan fällt mir "Whaler's Dues" ein. Oder glaubt hier ernsthaft jemand, dass Herr A. glühender Verfechter des Walfangs ist?
Er ist und bleibt (hoffentlich noch lange) unser aller einzigartiger Ian Anderson inklusive Macken. Und, um den Bürgermeister unserer Hauptstadt zu zitieren, das ist auch gut so!
KH
P.S.: Herr Katzenfisch, wäre es möglich einige Minuten das Flöten einzustellen und diese ewiglich langen Links in Ihren Artikeln auf ein erträgliches Maß zu verkürzen, damit wir in diesem Faden nicht immer hin und her scrollen müssen? Mit der mir verliehenen Macht (ich bin Kalif anstelle des Kalifen) könnte ich das natürlich auch erledigen, aber ich fummele nicht in anderer Leuten Beiträgen rum. Jedenfalls nicht ohne Erlaubnis.
Kalif Heath